Schwerpunkt

Die Zukunft des Sozialstaats

Composing: Holger Kölling / Getty Images (wildpixel)

Aus der Balance

Rente, Gesundheit, Pflege: Unsere Sozialkassen sind dramatisch in Schieflage. Echte Reformen müssen her, sonst droht der Kollaps. Wie kann die Politik das Gleichgewicht zwischen den Generationen wieder herstellen?

Von Ulrich Halasz

Was sehen Sie auf dem Bild da unten? Opa und Enkel, Alt und Jung, zusammen auf einer Wippe. Harmonie pur, könnte man denken. Doch man kann das Foto auch ganz anders deuten: sinnbildlich für den Zustand unserer Sozialsysteme. Die Senioren? Haben einen sicheren Platz, denen geht’s gut, da passiert nix. Und die Jungen? Hängen in der Luft, kriegen kein Bein mehr auf die Erde.

1,35

Kinder je Frau werden hierzulande geboren. Bei der ersten Geburt sind die Mütter im Schnitt 30,4 Jahre alt.*

Denn es ist was aus der Balance geraten in unserem Sozialstaat. Der demografische Wandel und die stetig steigende Lebenserwartung lassen die Kosten der Renten-, der Kranken- und der Pflegeversicherung immer weiter ausufern. Simpel gesagt: Weil immer weniger junge Erwerbstätige immer mehr ältere Leistungsempfänger finanzieren müssen, gerät das System an Grenzen. Experten mahnen daher dringend zu Reformen.

»Wir müssen uns auf jeden Fall mit den Sozial­versicherungen beschäftigen. Die sind nicht zukunftsfest«, warnt zum Beispiel die Wirtschaftsweise Professorin Monika Schnitzer. Für sie ist klar: »Wenn die Regierung nichts tut, wird der Kollaps unweigerlich kommen.« Wobei ja auch der Kanzler verbal schon heftig auf den Alarmknopf drückt: »Der Sozialstaat, wie wir ihn heute haben, ist mit dem, was wir volkswirtschaftlich leisten, nicht mehr finanzierbar«, sagt Friedrich Merz.

17,5

Prozent vom Bruttolohn entrichten Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Schnitt an die Krankenversicherung.*

Klar: Das Problem mit unserer alternden Gesellschaft ist nicht ganz neu. Wurde bislang aber politisch nicht wirklich angefasst, weil unpopulär. Aber inzwischen sind die nackten Zahlen zu schockierend, um sie weiter ignorieren zu können.

2024 beliefen sich die Kosten unseres Sozialstaats auf insgesamt 1.345 Milliarden Euro! Wie sehr die Sozialversicherungszweige schlingern, zeigt ein kurzer Blick auf die Rentenkasse. Gut 120  Milliarden Euro musste der Staat zuletzt aus Steuermitteln zuschießen. Rund ein Viertel des Bundeshaushalts!

Durchschnittsalter der deutschen Bevölkerung

(in Jahren)

Quelle: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung

Es droht noch weniger netto

Aktuell wird der Debatten-Ton rauer: Die Boomer leben lustig auf Kosten der Jungen, so wettern manche. Professor Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin, hält den deutschen Generationenvertrag längst für gebrochen und fordert deshalb sogar ein »Sozialjahr für alle Rentner«. Bei den Älteren kommen derlei Vorstöße so gut an wie Techno beim Tanztee. Ihr Konter: Die Jungen sollen eben mehr arbeiten, statt von Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance zu salbadern.

Wie aber löst man das jetzt? Leistungen kürzen? Rentenniveau sinken lassen? Eigenanteile beim Arztbesuch löhnen – oder noch mehr Geld fürs Pflegeheim?

800.000

Menschen leben schon heute in Pflegeheimen.*

Alles schwierig, keine Frage. Noch heikler aber wäre eine weitere Erhöhung der Sozialbeiträge. Die belaufen sich ja schon heute auf 42,5  Prozent vom Brutto, hälftig getragen von Betrieben und Beschäftigten. Bleiben harte Reformen aus, könnte die Beitragslast bis zu 50 Prozent erreichen, fürchtet der Wirtschaftsweise Professor Martin Werding.

120

Milliarden Euro fließen jedes Jahr aus dem Bundeshaushalt an die Rentenkasse. Tendenz: steigend*

Folgen: Noch weniger Netto vom Brutto für die Erwerbstätigen und noch höhere Arbeitskosten, das wäre eine Art K.-o.-Schlag für Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit. Wie die Lage unserer Sozialkassen aussieht und was Experten empfehlen: Das beleuchten die Texte dieses Schwerpunkts.

*Quellen: IW, Statistisches Bundesamt, Bundesministerium für Arbeit und Soziales