Fotos: Daniel Heitmüller
»Luftpolsterfolie aus Papier ist genauso praktisch wie die Plastikvariante – aber besser fürs Klima.«
Anke Thies,
Papair GmbH
Die leise Revolution
Das junge Unternehmen Papair entwickelt Luftpolsterfolie aus Papier und hat im Herbst mit Drogeriehändler Rossmann einen reichweitenstarken Kunden gewonnen. Doch der Weg von der Idee zum Papier war lang.
Es knallt nicht so schön, wenn man die kleinen Bläschen zerdrückt. Aber dafür hat man ein besseres Gefühl, etwas darin einzuwickeln: Luftpolsterfolie aus Papier. Noch ist sie ein Nischenprodukt im Bereich des Verpackungsmaterials, doch das junge Unternehmen Papair aus Hannover arbeitet hart daran, das zu ändern. Im vergangenen Herbst ist es dem Team um Fabian Solf, Steven Widdel und Christopher Feist gelungen, einen echten Branchenriesen für ihr Produkt zu begeistern. Seit ca. einem Jahr verlassen täglich rund 9.000 Produkte aus dem ROSSMANN-Sortiment in Verpackungsmaterial von Papair das E-Commerce Lager in Hannover/Großburgwedel. Ein Meilenstein, den sich die Gründer vor sechs Jahren noch nicht hätten träumen lassen, als sie in der WG-Küche standen und mit einer selbstgedruckten Walze und den im Backofen vorgeheizten Lochblechen versuchten, Luftkissen in Papier zu prägen.
Tolles Team: Steven Widdel (l.) und Fabian Solf (r.) mit Marketingleiterin Anke Thies
Knallt nicht: Die Luftpolsterfolie aus Papier ist aber genauso effektiv wie die aus Plastik.
Selbst konstruiert: In den Anfängen prägten die Gründer mit solch einer Walze »Bubbles« in feuchtes Papier.
Die Ursprungsidee entstand während Solfs Studium des Holzingenieurwesens an der HAWK Hildesheim, als der Student in einem außercurricularen Gründungskurs ein Businesskonzept entwickeln sollte. Den entscheidenden Impuls für seine Idee lieferte ein Praxisproblem: Solfs Mutter, tätig in der Leuchtenindustrie, erzählte, dass immer mehr Kunden den üblichen Kunststoff- und Styroporverpackungen skeptisch gegenübertraten. »Da habe ich mich gefragt: Was gibt es in dem Bereich eigentlich noch nicht? Luftpolsterfolie aus Papier«, erinnert sich Solf. Die Idee überzeugte seine Professorin und ließ auch ihn selbst nicht mehr los.
Er teilte seine Vision mit Christopher Feist, einem langjährigen Freund, der Wirtschaftswissenschaften studierte. Zusammen entwickelten sie das Konzept weiter, gründeten im Juli 2020 – mitten in der Coronapandemie – Papair und erhielten nach dem Studienabschluss direkt ein Gründungsstipendium. Aber: »Wir hatten im Grunde nur die Idee. Für die technische Umsetzung brauchten wir noch mehr Know-How«, sagt Solf. Also holten die beiden Jungunternehmer Steven Widdel dazu, der Technologie nachwachsender Rohstoffe studiert hatte.
Innovativ: Die Maschine, mit der die Luftpolsterfolie hergestellt wird, haben die Gründer mit einem Maschinenbauunternehmen entwickelt.
Prototypen aus dem WG-Backofen
Die ersten Experimente fanden in Solfs WG-Küche statt. »Wir hatten uns im Internet ein Lochblech bestellt, das in den Ofen passte«, erzählt Widdel. Mit einer selbstgedruckten Walze und viel Kraft prägten sie Bubbles in feuchtes Papier. »Das Ergebnis sah schon ganz gut aus, also sind wir damit zu Papierherstellern und Wellpappbetrieben gegangen. Doch dort folgte die Ernüchterung. »Die Firmen sagten, das sei eine nette Idee, aber ohne ein Konzept für die technische Umsetzung könnten sie mit uns nicht ins Geschäft kommen«, erinnert sich Solf. Also suchten die drei Gründer sich ein Maschinenbauunternehmen, das mit ihnen gemeinsam eine Produktionsanlage baute, die die Bubbles stabil und in Serienfertigung in Papier prägen konnte. »Das hat natürlich gedauert, und so konnten wir die Pilotanlage erst 2023 in Betrieb nehmen«, sagt Solf.
Alles Papier: Steven Widdel zeigt die Zellulosemasse, mit der die doppelte Luftpolsterfolie zusammengeklebt wird.
Erklärt die Innovation: Anke Thies, Marketingleiterin von Papair
Ursprünglich wollte Papair ausschließlich Recyclingpapier einsetzen. Doch die hohen mechanischen Belastungen beim
Prägen setzten dem Material Grenzen. »Für die Kuppelform unserer Bubbles ist das Papier extremen Beanspruchungen ausgesetzt«, sagt Widdel. Das beste Ergebnis erzielten sie mit Frischfaserpapier mit langen Fasern, wie es auch im Sackbereich für Zement oder Tierfutter verwendet wird. Es ist reißfest, belastbar und weiterhin gut recyclingfähig. Obwohl Widdel gar nicht aus dem Papier-, sondern aus dem Kunststoffbereich kommt, war für die drei Gründer immer klar, dass sie bei Papier als Basis für ihre Luftpolsterfolie bleiben wollen. »Das Problem bei Kunststoffen ist die Sortierung«, erklärt Widdel. Recycling funktioniere nur bei sortenreinen Materialien, alles andere müsse verbrannt werden. Papier hingegen habe einen entscheidenden Vorteil: »Egal welches Papier man nutzt, es besteht immer aus Zellulosefasern, und das Papierrecycling in Deutschland und Europa funktioniert sehr gut.«
»Der nächste große Schritt steht unmittelbar bevor!«
Patentierte Verbindung ohne Klebstoff
Papair bietet seine Luftpolsterfolie in zwei Ausprägungen an: einlagig und doppellagig. Bei der doppelten Variante kommt ein spezielles Verfahren zum Einsatz, um die beiden Bahnen miteinander zu verbinden, welches die Basis des Patents darstellt. Denn Papair verwendet keinen Klebstoff. »Unsere Produkte bestehen nur aus Zellulosefasern und Wasser«, erklärt Solf. Unter Hitze und Feuchtigkeit werden zwei Papierbahnen miteinander verbunden und ergeben ein stabiles, zweilagiges Polstermaterial, bei dem die ungeprägte Lage aus Recyclingpapier besteht. Daraus fertigt Papair zurzeit PapairWrap, die Luftpolsterfolie aus Papier auf Rolle sowie als konfektionierte Bögen und Beutel. Letztere müssen jedoch noch mit viel Handarbeit hergestellt werden. »Perspektivisch wollen wir diese Schritte direkt in die Anlage integrieren«, sagt Solf. Der nächste
große Schritt steht unmittelbar bevor: die Inbetriebnahme einer neuen Produktionsanlage. Zusätzlich zu 350 Millimetern Breite sollen künftig 800 Millimeter verarbeitet werden, die Geschwindigkeit soll von derzeit 20 auf bis zu 70 Meter pro Minute steigen. »Das ist eine massive Kapazitätssteigerung«, sagt Widdel. Sie sei Voraussetzung für weiteres Wachstum und für größere Anwendungsfälle.
Glatte Sache: Riesige Papierollen warten darauf, mit "Bubbles" versehen zu werden.
Versandfertig: In diesen Kartons befindet sich Luftpolsterfolie aus Papier.
Inzwischen umfasst das Team 14 Personen, davon drei Maschinenführer in der Produktion in Rethem. Vertrieb, Marketing und Finance sitzen in Hannover. Seit Gründung hat das Unternehmen mehr als 500 Kunden beliefert, zehn bis 15 davon bestellen regelmäßig, teils auf Basis fester Rahmenverträge. Einer davon ist Rossmann. Der Konzern hat das neue Logistikzentrum von Anfang an auf den Einsatz von Luftpolsterfolie aus Papier ausgelegt. Denn darin besteht oft eine Hürde für Interessenten: »Die Rollen mit der klassischen Luftpolsterfolie kann man eins zu eins gegen unsere aus Papier tauschen, aber häufig scheitert es daran, dass die Mitarbeiter es komisch finden, statt in Plastikfolie in Papier einzuwickeln.«
Dennoch sind sich die Gründer sicher, dass ihre Vereinbarung mit Rossmann sich positiv auf ihren Kundenstamm auswirken wird. Denn sie zeigt: Luftpolsterfolie aus Papier ist genauso praktisch wie die Plastikvariante – aber besser fürs Klima. Und sie zischt zumindest ein bisschen, wenn man ihre Bläschen zerdrückt.
Mehr Infos
finden Sie im Webangebot des Unternehmens unter
www.papair.de