Editorial

Ohne Wachstum
keine Wohlfahrt

Liebe Leserinnen und Leser,

manche bezeichnen den Sozialstaat als eine der größten Errungenschaften unseres Landes: Er steht für Sicherheit, Solidarität und sozialen Frieden. Aber er steht auch unter Druck – massivem Druck. Rente, Kranken- und Pflegever­sicherung geraten aus der Balance, die Beiträge steigen,die Belastungen für Unternehmen und Beschäftigte ebenso. Und immer öfter stellt sich die Frage: Wie lange ist das noch tragfähig?

Ein Sozialstaat am Limit

Deutschland leistet sich einen der teuersten Sozialstaaten der Welt. Gleichzeitig verliert der Standort an Wettbewerbsfähigkeit. Das ist kein Widerspruch, das sind zwei Seiten derselben Medaille. Denn ohne wirtschaftliche Stärke gibt es keinen handlungsfähigen Sozialstaat. Und ohne ein funktionsfähiges Gemeinwesen verliert der Standort an Akzeptanz. Genau hier liegt der Kern der Debatte, die wir in dieser Ausgabe führen.

Demografie und Kosten drücken die Balance

Der demografische Wandel verschärft die Lage dramatisch. Immer weniger Erwerbstätige finanzieren immer mehr Leistungsempfänger: Kamen 1973 noch vier Beitragszahler auf einen Rentner, sind es aktuell gerade noch zwei mit deutlich fallender Tendenz. Schon heute fließen knapp 130 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt direkt in die Rentenkasse, oder anders ausgedrückt: jeder dritte Euro bei der Rente wird mit Steuern finanziert. Die Sozialabgaben nähern sich einer Marke, die Arbeit zunehmend verteuert und Leistung entwertet. Vice versa steigt die Staatsquote auf über 50 Prozent mehr als jeder zweite erwirtschaftete Euro fließt durch staatliche Kassen. Was all das für das Motivationsgefüge in Wirtschaft und Gesellschaft bedeutet, liegt auf der Hand: Es erodiert, Leistung lohnt sich immer weniger.

Erwarten Sie mehr als einen Verband

Die Arbeitgeberverbände sind ein Zusammenschluss von 15 Arbeitgeberverbänden aus zahlreichen Branchen. Gemeinsam vertre­ten sie bundesweit mehr als 1.500 Unternehmen mit über 600.000 Beschäftigten. Dazu zählen unter anderen die ­Metall- und Elektro-­Industrie, die Kautschuk- und Kunststoff-Industrie, die Papier- und Pappeverarbeitung sowie der Bühnen- und Tribünenbau.

Reformen dulden keinen Aufschub

Was es jetzt braucht, sind keine kosmetischen Korrekturen, sondern echte Reformen. Bundeskanzler Friedrich Merz hat mit seiner Feststellung recht, dass sich Deutschland mit seiner derzeitigen Wirtschaftskraft den Sozialstaat in seinem heutigen Umfang nicht mehr leisten kann. Diese Wahrheit ist unbequem, aber sie lässt sich nicht länger verdrängen. Daran ändert auch der inzwischen vorliegende Abschlussbericht der Sozialstaatskommission nur wenig. Er ist allenfalls ein erster Schritt in die richtige Richtung. Er beschreibt Probleme, skizziert Vereinfachungen im Beziehen von Sozialleistungen doch er drückt sich vor unbequemen politischen Entscheidungen. Wer allerdings glaubt, mit Prüfaufträgen und Kompromissformeln den ausufernden Sozialstaat in den Griff zu bekommen, verkennt die Dimension der Herausforderung.

Es braucht mehr Fokus auf Kernaufgaben, mehr Eigenverantwortung und mehr Effizienz. Und vor allem: den Mut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Die MIT-Bundesvorsitzende Gitta Connemann bringt es im Interview dieser Ausgabe klar auf den Punkt, wenn sie sagt: »Der überbordende Sozial­staat schwächt sein eigenes Fundament.« Ohne Wachstum gibt es keine Wohlfahrt und ohne Reformen kein Wachstum.

Wirtschaft schafft die Grundlage

Wie ernst die Lage ist, zeigen die Beiträge unseres Schwerpunkts eindrücklich: eine Rentenkasse, die ohne massive Zuschüsse aus Steuerzahlungen nicht mehr auskommt. Ein Gesundheitssystem, das laut Experten nur noch »künstlich am Leben gehalten« wird. Eine Pflegeversicherung, der buchstäblich der Boden unter den Füßen fehlt. All das betrifft nicht nur abstrakte Zahlen, sondern ganz konkret die Betriebe und ihre Beschäftigten durch steigende Lohnnebenkosten, durch Fachkräfte­mangel, durch wachsende Unsicherheit.

Gleichzeitig zeigt dieses Heft, dass sich Einsatz und Initiative lohnen. Es erzählt von Unternehmen, die Verantwortung übernehmen,­ innovativ sind und nach vorn denken. Vom jungen Unterneh­men Papair, das mit Luftpolsterfolie aus Papier eine leise Revolution im Verpackungsmarkt anstößt. Von Industrie­unter­nehmen, die Digitalisierung, KI und Robotik nicht als Bedrohung, sondern als Chance begreifen. Oder von mittel­ständischen Betrieben, die sich auch unter schwierigen Rahmenbedingungen behaupten: pragmatisch, engagiert und mit einem klaren Wertekompass.

Diese Geschichten machen deutlich: Wirtschaft findet nicht in Sonntagsreden statt, sondern in Betrieben. Dort wird inves­tiert, ausgebildet, geforscht und gearbeitet. Dort entsteht die Wertschöpfung, aus der unser Sozialstaat finanziert wird. Wer diese Realität aus dem Blick verliert, riskiert am Ende wirtschaftliche Stärke und soziale Sicherheit.

Unsere Rolle als Arbeitgeberverbände erschöpft sich nicht in Tarifverhandlungen. Wir tragen Verantwortung dafür, dass wirtschaftliche Realität und politische Entscheidungen wieder näher zusammenrücken. Dafür benennen wir offen, wo bestehende Strukturen an Grenzen stoßen und zeigen auf, wie Reformen gelingen können.

Diese Ausgabe unseres Arbeitgeber Magazins will genau dazu beitragen: zur Debatte, zur Einordnung und zur Orien­tierung.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine erkenntnisreiche Lektüre.

Mit herzlichen Grüßen,
Ihr

Dr. Volker Schmidt
Hauptgeschäftsführer
Die Arbeitgeberverbände Hannover