Standort

Das Problem Hannovers ist nicht die Stadt, sondern ihr Image

Lange unterschätzt, oft belächelt: Hannover kämpft seit Jahrzehnten mit einem hartnäckigen Image als Zentrum des Mittelmaßes. Doch vielleicht liegt die Zukunft der Stadt genau dort, wo sie sich selbst lange klein gemacht hat: in der Mitte.

Von Dr. Eike Frenzel

Foto: Gettyimages (igmarx)

»Hannover ist immer wieder hinter seinen eigenen Möglich­keiten zurück­geblieben.«

Dr. Vanessa Erstmann

»Reden wir von Hannover das wird genügend harmlos sein«, sagte bereits der Philosoph Theodor Lessing.

Montage: Holger Kölling / Gettyimages (Bob_Eastman)

Immerhin: Im »Stern«-Ranking der zehn schlimmsten Städte Deutschlands tauchte Hannover im zurückliegenden Sommer nicht auf. Dabei ist die Stadt an der Leine Spott und Schmähungen gewohnt. Niedersachsens Landeshauptstadt gilt vielen als Inbegriff von Mittelmäßigkeit und Langeweile. In dieser Hinsicht legendär ist das Urteil von Entertainer Harald Schmidt, der nach einem Auftritt im Theater am Aegi einmal sagte: »Hannover liegt nicht am Arsch der Welt, man kann ihn von dort aus aber sehr gut sehen.« Eine typische Respekt­losigkeit von »Dirty Harry« könnte man meinen, wären da nicht die vielen anderen Negativklischees, mit denen Hannover über Jahre zu kämpfen hatte und noch hat.

»Abstieg, Suff und Suizid: Hannover im freien Fall. Was ist bloß los mit der einstmals so grundsoliden Zentrale des deutschen Mittelmaßes?«, fragte die taz 2010 sarkastisch. Dagegen fast schon schmeichelhaft wirkt Hannovers Label als »beste Umsteigestadt in Deutschland«, vergeben von der Berliner Zeitung.

Großstadt im Grünen: So warb Hannovers Verkehrsverein ab 1914 auch auf Briefbögen für die Stadt.

Quelle: Stadtarchiv Hannover

Wer kennt sie noch? Die EXPO 2000 gilt als (vertane) Megachance für Hannovers Image.

Quelle: Historisches Museum Hannover

»Sport- und Festwoche«: Die erste große PR-Aktion anlässlich der Einweihung des Neuen Rathauses 1913

Quelle: Historisches Museum Hannover

Keine Frage: Die Stadt an der Leine ist Spott und Schmähungen gewohnt. Dabei war sie in Sachen Imagepflege nie ganz untätig im Gegenteil, wie die Historikerin Vanessa Erstmann in ihrer Dissertation zur Geschichte des hannoverschen Stadt­images zeigt. Schon lange vor dem Ersten Weltkrieg trat ­Hannover erstaunlich selbstbewusst auf. Der damalige Verkehrs- und Bürgerverein warb offensiv für die Stadt, prägte früh den Slogan »Großstadt im Grünen« und positionierte Hannover gezielt als Sportstandort. Spätestens 1913, zur Einweihung des Neuen Rathauses, zeigte sich dieses Selbstverständnis deutlich: Eine große Sport- und Festwoche mit inter­nationalen Athleten sollte Hannover weit über die Region hinaus sichtbar machen.

Erstmann spricht von einer Phase, in der die Stadt »eigentlich eher positiv aufgefallen« sei. Bemerkenswert dabei: Die Impulse kamen nicht aus der Politik, sondern aus der Bürgerschaft selbst. Hoteliers, Gastronomen, Fabrikanten Menschen also, die ein konkretes wirtschaftliches Interesse daran hatten, Hannover als attraktiven Ort zu präsentieren. Imagepflege war hier kein Prestigeprojekt, sondern Standortpolitik.

»›Stadt der Mitte‹ muss kein Synonym für Langeweile sein.«

Dr. Vanessa Erstmann

Doch dieser frühe Schwung wurde nicht konsequent weitergetragen. Statt die eigenen Stärken auszubauen, entwickelte das städtische Fremdenverkehrsamt über die Jah­re eine auffallend nüchterne, teils kleinmütige Selbstverortung. Man sei nicht Hamburg, nicht München, habe keine weltberühmten Sehenswürdigkeiten wie Dresden und keine Messe von der Strahlkraft Leipzigs. Aus dieser Haltung heraus entstand, so Erstmann, ein »sehr mittelmäßiger Anspruch« und mit ihm eine entsprechend mittelmäßige Werbetätigkeit. Sehr zum Ärger vieler Unternehmer, die auf ein selbstbewussteres Auftreten drängten.

Zu diesem zurückhaltenden Bild trugen jedoch nicht nur Verwaltung und Stadtmarketing bei, sondern auch die Hannove­raner selbst. Erstmann spricht von einem tief verankerten Understatement, das bis heute wirksam ist. Die Stadt nicht zu sehr loben, lieber tief stapeln, bloß kein großes Aufheben machen. Oder, wie es ihr sinngemäß immer wieder begegnet sei: »Na ja, wenn wir jetzt zu viel darüber reden, wie schön es hier eigentlich ist, dann kommen am Ende ja alle

Dieses Muster zieht sich durch die Stadtgeschichte: vielversprechende Einzelaktionen, die kurzfristig Aufmerksamkeit erzeugten, aber nicht kontinuierlich weiterentwickelt wurden. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts änderte sich das langsam. Hannover gründete als eine der ersten Städte bundesweit ein eigenes Amt für Imagepflege und institutionali­sierte das Thema. Doch auch hier blieb vieles punktuell oder wurde frühzeitig ausgebremst – daran konnte nicht einmal das Jahrhundert-Event EXPO 2000 etwas gravierend ändern.

Erstmann fasst es nüchtern zusammen: Hannover ist immer wieder hinter seinen eigenen Möglichkeiten zurückgeblieben. Oder, mit Blick auf die Mechanik von Stadtimages: Wenn sich ein negatives Bild erst einmal festgesetzt hat, lässt es sich nur schwer wieder korrigieren.

Hohe Lebensqualität: Während andere Metropolen an ihre Belastungsgrenzen stoßen, gilt Hannover bei vielen als äußerst lebenswert.

Foto: Getty Images (saiko3p)

Bleibt die Frage: Gibt es Hoffnung für Hannover?

Erstmann meint ja – aber nicht durch den nächsten Slogan und nicht durch kosmetische Kampagnen. Was der Stadt fehle, sei etwas Grundsätzlicheres: eine gemeinsame Leitidee, getragen von möglichst vielen. Ein moderner »Imagepfleger«, der durch alle gesellschaftlichen Schichten geht, Menschen mitnimmt, Interessen bündelt und dem Selbstbild der Stadt eine Richtung gibt.

Der eigentliche Hebel liegt dabei ausgerechnet dort, wo Hannover sich jahrzehntelang selbst klein gemacht hat: in der Mitte. »Stadt der Mitte« müsse kein Synonym für Langeweile sein. Sondern könne für Ausgleich stehen, für Verlässlichkeit, für ein Leben ohne Extreme. Für eine Stadt, die nicht dauernd an ihre Belastungsgrenzen stößt.

Denn nüchtern betrachtet spricht vieles für Hannover. In Rankings zur Lebensqualität landet die Stadt regelmäßig weit oben. Großer Stadtwald, kurze Wege, überschaubare Distanzen, ein Alltag, der funktioniert. Während Metropolen wie München, Hamburg oder Berlin mit explodierenden Mieten und zunehmender Wohnraumknappheit kämpfen, lässt es sich in Hannover vielerorts noch vergleichsweise gut und bezahlbar leben.

Vielleicht liegt genau hier der Perspektivwechsel, den Hannover braucht: nicht länger zu erklären, was die Stadt nicht ist – sondern selbstbewusst zu sagen, was sie sein kann. Eine Stadt, in der das mittlere Maß kein Makel ist, sondern ein Vorteil.

Foto: Valerija Ecker

Dr. Vanessa Erstmann,

ist gebürtige Hannoveranerin, studierte Geschichtswissenschaft und Philosophie an der Leibniz-Universität Hannover. Im Rahmen ihrer Promotion analysierte sie die imagepolitischen Maßnahmen Hannovers seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse veröffentlichte sie im Herbst 2024 in dem Buch »Reden wir von Hannover – das wird genügend harmlos sein.«, das inzwischen in der dritten Auflage erschienen ist. Beruflich unterstützt Erstmann Unternehmen bei der Marken- und Imagepflege sowie der Aufarbeitung ihrer Unternehmensgeschichten, dem »History Marketing«. Seit Sommer 2020 leitet sie ehrenamtlich als 1. Vorsitzende den Jazz Club Hannover e.V.