Verbandswelt

Hochbetrieb in der Zuckerfabrik

Pfeifer & Langen ist eines von vier Lebensmittelunternehmen, die in Deutschland aus Rüben Zucker herstellen. Dahinter steckt ein umfang­reiches Verfahren, das nicht nur hochmodern, sondern auch nachhaltig ist. Ein Besuch im Pfeifer & Langen-Werk in Könnern.

Von Isabel Link

Fotos: Marcus Prell

»Die Rübe bleibt ein Naturprodukt – aber der Umgang mit ihr wird immer moderner«

Tino Kitzmann

Wer in den Wintermonaten bei Könnern in Sachsen-Anhalt von der Autobahn 14 abfahren will, braucht Geduld. Lkw reiht sich an Lkw und alle transportieren die gleiche Ladung: Rüben. Ihr Ziel ist die Zuckerfabrik von Pfeifer & Langen, denn von September bis Ende Januar herrscht hier Hochbetrieb. »Die sogenannte Kampagne ist der zentrale Produktionszeitraum in der Zuckerindustrie«, erklärt Tino Kitzmann, Standortleiter für Produktion und Technik. Sobald die Zuckerrüben im Spätsommer geerntet werden, beginnt die Verarbeitung. Aber wie wird aus einer dreckverklebten Rübe eigentlich der feine weiße Zucker, den es im Supermarkt zu kaufen gibt? Im größten Werk von Pfeifer & Langen kann man den Weg nachverfolgen – von der Anlieferung der Rüben bis hin zum Abfüllen der Zuckerpäckchen.

Im Durchschnitt dauert eine Kampagne in Könnern zwischen 100 und 130 Tagen. Die genaue Dauer ist abhängig von Ertrag, Witterung und Rübenqualität. Rund zwei Millionen Tonnen Zuckerrüben verarbeitet das Werk pro Kampagne, an Spitzentagen kommen bis zu tausend Lkw mit jeweils etwa 25 Tonnen Rüben auf das Gelände. Da sonntags keine Anlieferung erfolgt, muss für das Wochenende vorgesorgt werden, denn die Fa­brik läuft in der Kampagne ohne Unterbrechung. »Viele Prozesse – insbesondere die Kristallisation – lassen sich nicht einfach stoppen«, sagt Kitzmann. »Würde man die Anlage zwischendurch abstellen, würden sich in den Apparaten große Zucker­kristalle bilden, die wir kaum wieder entfernen könnten

Kontrolle: Zuerst werden die Lkw mit den Rüben gewogen und Proben genommen.

Waschanlage: In einer riesigen Waschstraße werden die Rüben gereinigt.

Gefroren ist gut, aufgetaut ist schlecht

Bevor die Zuckerrüben überhaupt in den Produktionsprozess gelangen, wird die Lieferung geprüft. Jeder Lkw wird gewogen und jeder Zweite beprobt. Dazu fährt ein langer Greifarm aus der Waage und packt ein paar Rüben, die anschließend auf ihren Zuckergehalt und weitere relevante Inhaltsstoffe überprüft werden. »Diese Analyse ist entscheidend, weil wir die Landwirte nicht nur nach der gelieferten Menge, sondern auch nach der Qualität der Rüben vergüten«, sagt Kitzmann. Rüben werden frisch angeliefert, können aber auch einige Wochen am Feldrand gelagert werden, bevor sie ihren Weg zur Zuckerfabrik antreten. Dann ist die Analyse jedoch besonders wichtig, da die Rüben in der Zwischenzeit dem Winterwetter ausgesetzt sind. »Frost ist kein Problem, gefrorene Rüben können wir gut verarbeiten«, sagt Kitzmann. Kritisch seien hingegen Rüben, die wieder aufgetaut sind. Denn der Frost zerstört die Zellstruktur. »Jeder, der schon mal zu Hause Kartoffeln eingefroren hat, kennt das. Tauen sie auf, werden sie matschig«

Die Lkw laden die Feldfrüchte auf dem Rübenhof ab, wo Radlader sie unermüdlich in eine wassergefüllte Rinne schieben, durch die sie in die Fabrik geleitet werden. Erste Station ist eine gigantische Waschanlage, in der die Rüben nicht nur gesäubert, sondern auch von Steinen getrennt werden. Denn die »Rübenmaus« auf dem Feld kann nicht unterscheiden, ob sie gerade eine Rübe oder einen Stein einsammelt. Die Rübe selbst besteht zu rund 75 Prozent aus Wasser, und nahezu jeder Tropfen, der im Prozess anfällt, wird in der Zuckerfabrik genutzt. Zum Beispiel für den Transport und das Waschen der Rüben oder als Prozesswasser für die weiterführenden Schritte im Zuckergewinnungsprozess. Anschließend wird das Wasser in einer biologischen Kläranlage aufbereitet, bevor es in die Saale fließt.

Nach dem Waschen werden die Rüben zu pommesartigen Schnitzeln geschnitten und bei rund 70 Grad mit Wasser ausgelaugt, um den Zucker zu lösen. Daher kommt der süßliche Geruch, der in den Wintermonaten in der Luft hängt. »Das Wasser unterscheidet nicht zwischen Zucker und Nicht-Zucker, deshalb folgt im Anschluss ein klassisches Verfahren der Zuckerindustrie: die Kalk-Kohlensäure-Saftreinigung«, erklärt Kitzmann. Mithilfe einer aus Brandkalk hergestellten Kalkmilch und CO₂ flocken die unerwünschten Stoffe im Zuckerwasser aus und setzen sich ab. Übrig bleibt ein klarer, hellgelber Dünnsaft, etwa so trüb wie Apfelsaft.

Großes Ding: In der Vogelperspektive zeigt sich, wie viele Bereiche zur Zuckerfabrik gehören.

Was passiert im Herzstück der Zuckerfabrik?

»In einer mehrstufigen Verdampfstation wird dieser Saft eingedickt, bis er honigartig ist. Das ist der sogenannte Dicksaft«, sagt Kitzmann. Doch nicht immer gelangt der Dicksaft sofort in die Kristallisation. Ein Teil wird in den Dicksafttanks eingelagert – für die spätere Dicksaftkampagne. »Das ist in vielen Zucker­fabriken üblich und auch am Standort Könnern«, sagt Iris Richter, Standortleiterin für die kaufmännische Verwaltung. In dieser Phase, die meist von März bis in den Frühsommer hinein dauert, wird der Dicksaft erneut erhitzt und im Zuckerhaus zu Kristallzucker verarbeitet. Der Vorteil: Die Anlagen – insbesondere das energieintensive Zuckerhaus – werden über einen deutlich längeren Zeitraum genutzt. »So können wir unsere Kapazitäten effizienter auslasten«, sagt Richter. Für die Qualität macht das keinen Unterschied: Der Zucker aus der Dicksaftkampagne ist identisch mit dem Zucker, der während der Rübenkampagne entsteht.

Das Zuckerhaus ist das Herzstück der Fabrik, denn hier wird aus dem Dicksaft der Zucker gewonnen. Winzige Zuckerkristalle dienen als Keime, an denen der Zucker aus dem Sirup anlagert. »Uns ist wichtig, dass nicht unkontrolliert neue Kristalle entstehen, sondern dass ausschließlich die vorhandenen Kristalle gleichmäßig weiterwachsen«, sagt Kitzmann. Nur so lasse sich später eine definierte Korngröße erzielen, die entscheidend für die Qualität, Rieselfähigkeit und die unterschiedlichen Anforderungen der Kunden ist. Ist die gewünschte Korngröße erreicht, wird der Prozess gestoppt. Das Ergebnis ist eine dickflüssige Masse, die Fachleute Magma nennen – eine Mischung aus etwa 50 Prozent Zuckerkristallen und 50 Prozent Restsirup. Diese wird in Zentrifugen geleitet, die sich mit rund tausend Umdrehungen pro Minute drehen. »Durch die Fliehkräfte wird der Sirup durch ein Sieb nach außen gedrückt, während die festen Zuckerkristalle zurückbleiben«, erklärt Kitzmann. Nach einem kurzen Waschvorgang werden die Kristalle getrocknet, gekühlt und schließlich in Silos zwischengelagert – bereit für die Veredelung und Verpackung.

Kontrolle: Die Zuckermenge in den Päckchen muss passen.

Bereit für den Markt: Fertig gefüllte Zuckerpakete

Wasser marsch! Ein Lkw-Fahrer säubert die Ladefläche mit Wasser, das in der Zuckerproduktion anfällt.

Zuckerherstellung ist nachhaltig, modern und anschaulich zu erklären

Während der Kampagne beschäftigt das Werk rund 240 Mitarbeitende, darunter etwa 34 Saisonkräfte. Außerhalb der Kampagne sind es etwas über 200 Beschäftigte, inklusive rund 20 Auszubildenden. Das Werk in Könnern bildet in vier Bereichen aus: Industriemechaniker, Energieelektroniker, Industriekaufleute und Fachkräfte für Lagerlogistik aus. Erst kürzlich wurde die Firma als Top-Ausbildungsbetrieb der IHK Sachsen-Anhalt ausgezeichnet. Grundsätzlich fällt es dem Unternehmen leichter, als vielleicht anderen Firmen im Umfeld, Beschäftigte für die Zuckerfabrik zu finden. »Die Arbeit ist anspruchsvoll und wenig routiniert, das reizt viele«, sagt Richter. Außerdem sei Zucker ein Produkt, das man anfassen kann und zu dem jeder einen Bezug hat. Das mache es leicht, junge Menschen zu begeistern. Zudem ist Pfeifer & Langen ein tarifgebundenes Unter­nehmen, mit guten Arbeitsbedingungen, fairer Bezahlung und transparenten Regeln.

»Die Arbeit ist anspruchsvoll und wenig routiniert, das reizt viele«

Iris Richter

Dazu kommt ein hohes Bewusstsein für Umwelt und Technologie. Bei Pfeifer & Langen verwertet man nicht nur Wasser und Zucker, sondern die gesamte Rübe. Die ausgelaugten Rübenschnitzel beispielsweise werden direkt oder getrocknet als Tierfutter eingesetzt. Zwei ehemalige Braunkohlekessel wurden auf Holzpellets umgestellt. »Wir erzeugen hier selbst Strom und vor allem Prozessdampf«, sagt Richter. Während der Kampagne arbeitet das Werk sogar energieautark und speist zeitweise Strom ins öffentliche Netz ein. »Damit sind wir das erste Werk bei Pfeifer & Langen, das in der Kampagne vollständig die notwendige Energie aus mit erneuerbaren Energieträgern herstellt.« Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Klima­neutralität bis 2040. Gleichzeitig arbeitet das Unternehmen an neuen Schichtmodellen, mehr Automatisierung, Digitalisierung und dem Einsatz von KI sowohl in der Verwaltung als auch perspektivisch in der Produktionssteuerung. »Die Rübe bleibt ein Naturprodukt – aber der Umgang mit ihr wird immer moderner«, sagt Tino Kitzmann.

Mehr Infos

finden Sie im Webangebot des Unternehmens unter

pfeifer-langen.com