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Die Zukunft des Sozialstaats

Foto: Michael Wallmüller

»Leistung muss sich wieder lohnen«

Unsere Wirtschaft steckt tief in der Krise, der Wohlstand ist in Gefahr. Kann man den Industriestandort Deutschland noch retten? Ja, sagt Georg zur Nedden, Geschäftsführer der Westland Gummiwerke. Aber dazu braucht es harte Einschnitte.

Von Isabel Link

Herr zur Nedden, gefühlt kommt die Krise bei den Menschen nicht an. Befragungen zeigen, dass kaum jemand um seinen Job fürchtet. Woran liegt das?

Jedenfalls nicht an mangelnden Informationen. In den Zeitungen kann man täglich Analysen von Ökonomen lesen, denen zufolge die Krise teils hausgemacht und teils durch äußere Faktoren verstärkt ist. Auch dass Reformen nötig sind, gilt als unstrittig. Doch diese umzusetzen, das ist mit Zumutungen verbunden. Das wird den Menschen meist erst dann bewusst, wenn sie selbst betroffen sind.

Verwalten wir Wohlstand, statt ihn zu schaffen?

Genau hier liegt der Knackpunkt. In den vergangenen Jahren entstanden Jobs vor allem im Verwaltungsapparat, einem Bereich, der sich um seine ökonomische Zukunft kaum sorgt. Uns fehlt das Verständnis, dass Wachstum erwirtschaftet werden muss. Tatsächlich hatte unsere Volkswirtschaft in den vergangenen Jahren ein Pseudo-Wachstum, wie das Statistische Bundesamt ja kürzlich einräumen musste. Unterm Strich waren es also Rezessionsjahre, schöngerechnet durch staatliche Leistungen.

Sie sagen, wir haben kein Verteilungs-, sondern ein Leistungsproblem. Was meinen Sie damit genau?

Richtig. Leistung bedeutet Wertschöpfung, also einen Mehr­wert, der über Steuern und Sozialabgaben geteilt wird und zu dem auch die Betriebe beitragen. Genau hier ist der Staat jedoch übergriffig geworden: Für viele lohnt sich Mehrarbeit kaum, weil der Zuverdienst wegbesteuert wird. Zugleich verschärft der Fachkräftemangel das Problem. Acht Millionen Babyboomer scheiden bald aus dem Arbeitsmarkt aus, während neue Jobs vor allem außerhalb der Industrie entstehen etwa in der Pflege. Das ist volkswirtschaftlich etwas anderes als die Wertschöpfung eines Facharbeiters, der ein komplexes Produkt herstellt.

Sie sprechen also von einem Mangel an Fachkräften, nicht an Arbeitskräften?

Ja, uns fehlen nicht Hände, sondern Köpfe. Wir lassen zu, dass viele Menschen in Deutschland ohne Abschluss oder Ausbildung bleiben. Wenn wir aber nicht genügend leistungsbereites und gut ausgebildetes Personal finden, verlagern Firmen ihre Arbeitsplätze dorthin, wo sie noch auf solche Fachkräfte treffen. Das hat nichts mit den Kosten zu tun, sondern mit fehlender Qualifikation und Motivation.

Qualitätsprüfung: Georg zur Nedden (r.) bemängelt, dass es in Deutschland immer weniger Fachkräfte wie Joaquin Guerra-Costa gibt.

Foto: Michael Wallmüller

Wie kommen wir wieder in den Wachstumsmodus?

Wir müssen an mehreren Punkten ansetzen. Leistung muss sich wieder lohnen, für alle, die mehr arbeiten, investieren oder Risiken tragen. Wir brauchen wieder mehr Netto vom Brutto. Steuern, Sozialabgaben, steigende Bemessungsgrenzen der Staat greift ständig weiter zu, dabei sollte er seine Ausgabenquote spürbar senken. Ohne Einschnitte, etwa bei Pflege-, Kranken- oder Rentenversicherung, wird das nicht gehen. Sonst diktieren bald leere Kassen, was politisch noch umsetzbar ist.

Im Bundestag wird die »Aktiv-Rente« diskutiert: Wer länger arbeitet, soll bis zu 2000 Euro steuerfrei hinzuverdienen dürfen. Ist das ein Weg?

Vielleicht ein Schritt, aber keine Lösung. Wichtiger wäre, die abschlagsfreie Rente mit 63 abzuschaffen. Ich gönne jedem den Ruhestand, besonders nach jahrzehntelanger, harter Arbeit. Doch in der Breite funktioniert dieses Modell nicht. Ein Dachdecker, der mit 60 nicht mehr aufs Dach kann, ist ein Einzelfall, keine Regel. Im öffentlichen Dienst etwa bei Lehrkräften, die für unsere Zukunft enorm wichtig sind sehe ich hohe Fehlzeiten und oft mangelnde Motivation. Da hilft die Rente mit 63 nicht. Wir müssen neu über Lebensarbeitszeit sprechen und über leistungsgerechte Bezahlung im Alter.

Heißt das, wir müssen Leistung im Alter anders bewerten?

Natürlich kann ein 70-Jähriger nicht mehr dieselbe Leistung bringen wie ein 30-Jähriger. Aber warum sollte er dann das gleiche Gehalt bekommen wie in seiner besten Phase? Im Sport ist es selbstverständlich, dass man dann am meisten verdient, wenn man die höchste Leistung bringt. Bei uns dagegen schützt das System Besitzstände: Wer einmal ein bestimmtes Gehaltsniveau erreicht hat, soll es bis zum Schluss behalten. Versuchen Sie heute jemandem zu erklären, dass er in den letzten zwei Berufsjahren weniger verdient, obwohl er weniger leistet – das ist praktisch unmöglich. Aber so funktioniert Wirtschaft nicht.

Andererseits entwickelt man über die Jahre einen gewissen Lebensstandard ...

Natürlich. Aber das eigentliche Problem ist, dass vom Bruttolohn zu wenig übrigbleibt. Steuern, Sozialabgaben, steigende Bemessungsgrenzen der Staat greift ständig weiter zu. Gleichzeitig werden Dinge wie die Freibeträge in der Erbschaftsteuer seit Jahren nicht angepasst. Der Staat nimmt, aber er gibt nichts zurück. Es gibt keinen Automatismus, der Belastungen zumindest an die Inflation koppelt. Gleichzeitig haben wir ein Rentensystem, das sich immer stärker selbst auffrisst. Die Renten steigen mit der Lohnentwicklung, obwohl immer weniger Menschen einzahlen. Das führt dazu, dass höhere Löhne automatisch auch höhere Renten bedeuten und die Last tragen dann die Wenigen, die überhaupt noch einzahlen. Wir brauchen dringend eine Neuordnung, sonst erleben wir in den nächsten 20 Jahren massive Verteilungskämpfe.

Haben Sie den Eindruck, dass Politik und Gesellschaft das Ausmaß der Krise überhaupt erkannt haben?

Ich glaube, in der breiten Bevölkerung wird das Ausmaß der Probleme noch nicht wirklich wahrgenommen. Viele merken zwar, dass etwas schiefläuft, weil der Staat an vielen Stellen nicht mehr liefert. Etwa bei Bahn, Verwaltung oder Sicherheit. Aber das große Ganze, die strukturelle Schieflage, wird kaum gesehen. kaum gesehen. Wir steuern sehenden Auges auf eine Wand zu, weil die Wertschöpfung fehlt und damit das Wachstum.