Bildung

Foto: Getty Images (FatCamera)

Neues aus dem Silicon Valley

Als Lehrerin baute Dr. Frauke Ritter gemeinsam mit der Stiftung NiedersachsenMetall an ihrem Gymnasium in Göttingen ein Robotiklabor auf. Seit vergangenen August ist sie stellvertretende Schulleiterin in den USA und erlebt, wie innovativ Schule sein kann.

Von Isabel Link

Mountain View – was klingt wie eine x-beliebige Kleinstadt irgendwo im mittleren Westen der USA, ist in Wirklichkeit das Herzstück des Silicon Valley. Hier haben Tech-Giganten wie Google, Meta, Amazon und Microsoft ihren Hauptsitz. Und hier befindet sich seit gut einem halben Jahr der Arbeitsplatz von Dr. Frauke Ritter. Allerdings nicht in einem Hochglanzbüro mit Massageraum und Tischtennisplatte, sondern in einer Schule. Seit August 2025 arbeitet Ritter als stellvertretende Schulleiterin an der Deutschen Auslandsschule in Mountain View und unterrichtet zudem als Lehrerin Mathematik, Geografie und Informatik. »Was mich von Beginn an beeindruckt hat, ist die Selbstverständlichkeit, mit der Schule als Gestaltungsraum verstanden wird«, sagt sie. Bildung wird hier nicht als Notwendigkeit betrachtet, sondern als Zukunftsprojekt.

Die German International School Silicon Valley (GISSV), vor 25 Jahren gegründet, zählt rund 600 Schülerinnen und Schüler und verfügt über zwei Standorte: den Hauptcampus in Mountain View sowie eine kleinere Zweigstelle im San-Francisco-Stadtteil Castro. Die Schülerschaft ist international geprägt, verbindet jedoch häufig deutsche Bildungsbiografien mit einem Leben in den USA. Viele Eltern arbeiten bei Technologie­unternehmen wie Google oder Apple, andere an der Stanford University oder in international agierenden Industriekonzernen. Hinzu kommen Familien ohne deutschen Hintergrund, die die bilinguale Ausbildung in Deutsch und Englisch schätzen.

Zukunft gestalten statt Bedenken wälzen

Der Unterricht findet in kleinen Lerngruppen statt. Im Durchschnitt sitzen elf Schülerinnen und Schüler in einer Klasse, selbst die größten Lerngruppen umfassen kaum mehr als 20 Kinder. Digitale Werkzeuge gehören selbstverständlich dazu: iPads in den unteren Jahrgängen, eigene Laptops ab Klasse 8, Google Classroom als zentrale Lernplattform. »Ich kann Aufgaben digital stellen, Feedback geben, bewerten und KI-Module sinnvoll integrieren ohne lange Antragswege«, erzählt Ritter. Datenschutzbedenken, die in Deutschland viele Projekte verhindern, spielten hier im schulischen Alltag kaum eine Rolle. Das hat auch etwas mit dem Umfeld zu tun: »Der Entdeckergeist des Silicon Valley ist auch in der Schule deutlich zu spüren«, sagt Ritter. Statt die Risiken neuer Technologien in den Vordergrund zu stellen, dominiert die Haltung: Wir gestalten die Zukunft.

»Robotik ist hier kein Add-on, sondern Teil des schulischen Selbstverständnisses«

Dr. Frauke Ritter,
Stellv. Schulleiterin der Deutschen Auslandsschule
in Mountain View

Foto: privat

Für die engagierte Lehrerin eine neue Erfahrung, denn in Deutschland stieß sie im Schulalltag immer wieder auf Bedenken und Hürden, die es erst mühevoll beiseite zu räumen galt. Studiert hat sie Mathematik, Geografie und Informatik in Freiburg im Breisgau, ergänzt durch einen Masterabschluss in Mathematik und Geografie. Nach dem Referendariat in Tübin­gen unterrichtete sie zunächst sieben Jahre am Friedrich-­List-Gymnasium in Reutlingen, bevor sie an das Max-Planck-­Gymnasium in Göttingen wechselte. Dort prägte sie über zwölf Jahre hinweg als Fachgruppenleiterin Informatik und Koordinatorin für Digitalisierung die schulische Entwicklung maßgeblich, baute Robotik- und Maker-Strukturen auf und engagierte sich intensiv in der Netzwerkarbeit mit der Stiftung NiedersachsenMetall die vernetzt seit vielen Jahren Schulen im Roboter-Labor-Netzwerk, stattet sie mit Technik-Bausätzen aus und fördert durch Wettbewerbe die praxisnahe Begeisterung für Programmierung und Mechanik.

Ausprobieren ausdrücklich erwünscht

An der GISSV nimmt Robotik längst einen festen Platz ein. Bereits in der Grundschule sammeln die Kinder erste Erfahrungen mit technischen Konstruktions- und Designprozessen, unter anderem in einem schulinternen Formel-1-Wettbewerb. In den weiterführenden Klassen arbeiten die Schülerinnen und Schüler mit Lego Spikes, MBots und Microcontrollern. »Robotik ist hier kein Add-on, sondern Teil des schulischen Selbstverständnisses«, sagt Ritter. Dazu steht ein dauerhaft geöffneter Makerspace mit 3D-Druckern, Greenscreen-Filmanlagen und umfangreicher technischer Ausstattung für kreative Projekte bereit.

Viele solcher Projekte gibt es auch an Schulen in Niedersachsen. Aber hierzulande sind sie eher Ausnahme denn die Regel. Aus Sicht von Frauke Ritter etwas, das sich ändern muss. Ebenso wie das Mindset: »Wir haben an deutschen Schulen unglaublich viel Expertise. Was es braucht, sind mehr Gestaltungsspielraum und eine Kultur, in der Ausprobieren ausdrücklich erwünscht ist

Technikaffin: In der Deutschen Schule im Silicon Valley gehören Roboter zum Schulalltag.

Fotos (2): Frauke Ritter

Tüfteln und Testen: In den USA wird viel mehr Wert auf Gestaltungsspielraum gelegt als in Deutschland.