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Die Zukunft des Sozialstaats

Platz da, das ist ein Notfall!

Unser Gesundheitssystem wird derzeit nur noch künstlich am Leben gehalten. Die Kosten explodieren, gleichzeitig verschlechtert sich die Versorgung immer weiter. Wie lässt sich diese Abwärts-Spirale aufhalten? Ein Gespräch mit Andreas Lenz, Chef der Betriebskrankenkasse Pfalz.

Von Isabel Link

Wäre das deutsche Gesundheitssystem ein Patient, würde es bereits auf der Intensivstation liegen maschi­nell beatmet und an die Herz-Lungen-­Maschine angeschlossen. »Was wir derzeit im Gesundheitssystem erleben, sind keine Überwachungsmaßnahmen mehr, das sind lebenserhaltende Maßnahmen«, sagt Andreas Lenz, Vorstandsvorsitzender der Betriebskrankenkasse Pfalz (BKK Pfalz). Ein Kollaps sei nur deshalb nicht zu erwarten, weil stetig neues Geld in das System gepumpt werde. »In unserem Beispiel kann man die Herz-Lungen-Maschine mit den Finanzströmen vergleichen: Solange genügend Geld durchfließt, funktioniert es. Aber der Patient bekommt dadurch keine Lebens­qualität zurück

Lenz arbeitet seit 42 Jahren im deutschen Gesundheitssystem und seine Bilanz fällt ernüchternd aus. »Die Probleme sind die gleichen wie damals.« Zwar seien Strukturen immer wieder angepasst worden, doch an den grundlegenden Fehlentwicklungen habe sich wenig geändert. Vielmehr stehe das System heute unter einem Druck, den selbst medizinische Laien längst spürten. Beispielsweise, weil Facharzttermine kaum zu bekommen sind. »Wenn Sie heute einen Termin beim Kardiologen brauchen, warten Sie im Schnitt neun Monate«, sagt Lenz. »Das ist Normalzustand und für viele Patienten extrem belastend.« Aber auch eine Gesamtverantwortung fehlt bis heute. Ambulante und stationäre Versorgung sind nach wie vor strikt getrennt, und das hat mitunter teure Folgen für das Kassen­system. »Patienten werden aus dem Krankenhaus entlassen, nur um beim Facharzt zu hören, die in der Klinik verordneten Medikamente seien zu teuer.« Im Krankenhaus hingegen spiele der Preis kaum eine Rolle, dort werde eingekauft, was medizinisch »State of the Art« sei.

Das Leiden des Gesundheitssystems hat viele Ursachen

Dass das Gesundheitssystem an seine Grenzen geraten ist, hat für Lenz mehrere Gründe. Eine davon ist mangelnde Ehrlichkeit in der politischen Kommunikation. »Die Politik hat den Menschen nicht früh genug die Wahrheit gesagt, dass es ab einem gewissen Punkt nicht mehr so weitergeht. Dass die Kassen nicht alles bezahlen können und dass nicht alles, was angeboten wird, auch gemacht werden muss«, sagt der BKK-Pfalz-Chef. Aber auch die Arbeitsrealität der Leistungserbringer habe sich grundlegend verändert. »Den Arzt, der neben seiner Praxis wohnt und quasi rund um die Uhr verfügbar ist, den gibt es fast nicht mehr«, betont Lenz. Heute achten viele Ärzte auf die Wirtschaftlichkeit ihrer Arbeit und auf feste Arbeitszeiten. »Das ist sogar nachvollziehbar.« Aber das wirkt sich natürlich auf die Verfügbarkeit von ärztlichen Leistungen aus.

»Eine modular aufgebaute Krankenversicherung ist die Krankenversicherung der Zukunft.«

Andreas Lenz,
Vorstandsvorsitzender der Betriebskrankenkasse Pfalz

Foto: privat

GKV: Einnahmen und Kosten in einer Lebensspanne

Jahresdurchschnitt 2019 in Euro pro Person

GKV: gesetzliche Krankenversicherung Beitragszahlung: einschließlich Arbeitgeberanteil
Quellen: Bundesamt für Soziale Sicherung, Sozio-oekonomisches Panel, Institut der deutschen Wirtschaft; © 2024 IW Medien / iwd

Eine weitere Ursache liegt im demografischen Wandel. Eine alternde Gesellschaft zählt zwangsläufig mehr chronische Erkrankungen. Ein Effekt, der sich durch den Lebensstil vieler Menschen noch verstärkt. Bewegungsmangel, unausgewo­gene Ernährung, Rauchen und dauerhafter Stress seien längst keine Randphänomene mehr, sondern prägten den Alltag breiter Bevölkerungsschichten, erklärt Lenz. Prävention spiele allerdings sowohl für die Menschen als auch für das Gesundheitssystem nach wie vor eine untergeordnete Rolle. Statt Krankheiten möglichst früh zu vermeiden oder abzumildern, reagiere das System häufig erst dann, wenn eine Behandlung unumgänglich und entsprechend kostenintensiv sei. »Diese Entwicklung verschärft den finanziellen Druck auf die Krankenkassen weiter

Anspruchsdenken versus Realität

Umgekehrt jedoch hätten viele Menschen verlernt, auf die Selbstheilungskräfte ihres Körpers zu vertrauen, weil es viele Jahre eine medizinische Versorgung quasi im Überfluss gab: Arzttermine waren verfügbar, Wartezeiten überschaubar, der Gang in die Praxis jederzeit möglich. »Diese permanente Verfügbarkeit hat Erwartungen geprägt und ein Anspruchs­denken entstehen lassen«, sagt Lenz. Inzwischen habe sich die Realität jedoch deutlich verändert. Termine seien knapp, das System an vielen Stellen überlastet. »In den Köpfen ist das aber nicht angekommen, noch heute rennen viele Menschen schon mit einer leichten Erkältung oder Magendrücken zum Arzt. Und das hat Folgen für medizinische Ressourcen, Personal und Kosten

Aber wie bekommt man den »Patienten Gesundheitssystem« wieder auf die Beine und stellt eine wirksame und gleich­zeitig bezahlbare Versorgung der Bevölkerung her? »Mit echten Reformen«, betont Lenz. »Aber die sehe ich nicht. Weder bei dieser Bundesregierung, noch bei ihren Vorgängern.« Grund dafür sei das fehlende Durchhaltevermögen. Am Beispiel der Krankenhausreform beschreibt Lenz, wie klare Ziele durch politische Kompromisse verwässert würden.

»Dann reden zu viele Akteure mit, es gibt Kompetenzgerangel zwischen Bund und Ländern, und wenn Wahlen näher rücken, werden unpopuläre Entscheidungen vermieden

»Nicht jeder darf nur schauen, dass er aus seinem Teil den größten Gewinn zieht.«

Andreas Lenz,
Vorstandsvorsitzender der Betriebskrankenkasse Pfalz

Gesetzliche Krankenversicherung: Ausgaben laufen den Einnahmen davon

je Versicherten, Jahr 2000 = 100

Beitragspflichtige Einkommen: Grundlohnsumme, geschätzt
Quellen: Bundesamt für Soziale Sicherung, Bundesministerium für Gesundheit, Statistisches Bundesamt, Institut der deutschen Wirtschaft
© 2025 IW Medien / iwd

Was tun gegen Missbrauch der Notaufnahme?

Aus Sicht des BKK-Pfalz-Vorsitzenden braucht es zuallererst ein Steuerungselement, das Fehlanreize minimiert und dafür sorgt, dass in erster Linie diejenigen medizinische Hilfe bekommen, die sie auch wirklich benötigten. »Das aktuelle Gesund­heitssystem ist faktisch wie eine Vollkaskoversicherung konstruiert. Ich habe meine Krankenversicherungskarte, und wenn ich einen Termin bekomme, kann ich damit quasi machen, was ich will.« Das führe auch zu Missbrauch, etwa in Notaufnahmen. »Es kann schlicht nicht angehen, dass Menschen am Wochenende in die Notaufnahme kommen, mit seit Wochen bestehenden Beschwerden, und sagten, sie seien heute da, weil sie gerade Zeit hätten.« Aus derzeit bestehenden Haftungsgründen darf eine Klinik auch solche offensicht­lichen Nicht-Notfälle jedoch nicht ablehnen.

Lenz‘ Vorschlag, um Bagatellen in der Notaufnahme auszusortieren, klingt zunächst drastisch: »Entweder 300 Euro direkt auf den Tisch oder der Patient muss gehen.« Andererseits zeige die Erfahrung, dass Geld eines der effektivsten Mittel ist, um Fehlanreize zu vermeiden und Verhalten zu steuern. »Eine begrenzte Eigenbeteiligung für Arztbesuche kann helfen, Bewusstsein zu schaffen und unnötige Inanspruchnahme zu reduzieren.« Wichtig sei dabei eine klare soziale Abfederung: »Wer kein Geld hat, muss von diesen Regelungen ausgenommen werden. Aber dafür müssen echte soziale Grenzen gezogen werden

Grundversorgung muss neu gedacht werden

Darüber hinaus fordert Lenz eine gemeinsame Verantwortung aller Beteiligten, vom Krankenhaus über den Physiotherapeuten bis hin zum Arzneimittelhersteller. Für jeden Patienten müsse es ein Gesamtbudget geben, das gemeinsam verantwortet werde. »Nicht jeder darf nur schauen, dass er aus seinem Teil den größten Gewinn zieht.« Und die Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung muss für den Facharztbereich aufgehoben werden. Als Vorbild nennt Lenz beispielsweise die Niederlande. Dort spiele der Hausarzt eine zentrale Rolle als erster Ansprechpartner und Lotse im System. Fachärztliche Versorgung finde überwiegend in Krankenhäusern statt, wo die Spezialisten sowohl ambulant als auch statio­när tätig sind. »Der Hausarzt entscheidet, ob und wann eine Überweisung notwendig ist, und der Facharzt prüft im Krankenhaus, ob eine ambulante Behandlung ausreicht oder ob der Patient direkt stationär aufgenommen werden muss.« Auf diese Weise werde verhindert, dass Patienten unkoordiniert zwischen verschiedenen Versorgungsbereichen wechseln.

Eine einheitliche Krankenversicherung für alle hält Lenz zwar für wünschenswert, als Allheilmittel für die strukturellen Probleme des Systems tauge sie jedoch nicht. Entscheidend sei vielmehr eine klare Definition der Grundversorgung. »Die zentrale Frage lautet: Was ist das, was solidarisch für alle garantiert sein muss?«, betont Lenz. Aus seiner Sicht müsse eine Grundversorgung sicherstellen, dass jeder Mensch im Ernstfall qualitativ hochwertig medizinisch versorgt wird durch eine zuverlässige Notfallversorgung, eine fachlich fundierte Behandlung im Krankenhaus und eine anschließende Rehabilitation, die die Rückkehr in ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht. Aspekte wie die Entfernung zum Krankenhaus, die Art der Unterbringung oder die konkrete Ausgestaltung einzelner Leistungen seien hingegen keine Fragen der Solidarität. Wer darüberhinausgehende Wahlfreiheiten wünsche, müsse diese auch selbst finanzieren können. Lenz zieht hier den Vergleich zur Autoversicherung: Während die Basisabsicherung für alle gelte, könne man zusätzliche Leistungen individuell hinzu­buchen. »Eine modular aufgebaute Krankenversicherung ist die Krankenversicherung der Zukunft.« Ein solches Modell schaffe Transparenz, stärke das Bewusstsein für den Wert medizinischer Leistungen und ermögliche zugleich, Solidarität dort zu sichern, wo sie wirklich nötig ist.