Verbandswelt

Fotos (7): Marcus Prell

»Man muss das aus Leidenschaft machen, denn es ist viel Arbeit für wenig Geld«

Jens Lepinat

Waschen, Mangeln, Weitermachen

Sie kämpfen mit Bürokratie, Energiepreisen und Fachkräftemangel – und sind trotzdem unverzichtbar: Textilreiniger. Ein Blick hinter die Kulissen zweier Betriebe, die sich mit Pragmatismus, Herz und Humor in einem schwierigen Markt behaupten.

Von Isabel Link

In der Hauptfiliale der Sauberland-Reinigung im Norden von Delmenhorst riecht es nach Bügeldampf. Gut hundert Hemden hängen ordentlich aufgereiht auf dem Kleiderkarussell und warten darauf, von ihren Besitzern abgeholt zu werden. Reinigungen wie das Unternehmen von Jens Lepinat gibt es in Deutschland immer seltener genau wie mittelständische Wäsche­reien, etwa die Wäscherei Schwarting von Birgit Riechert und Co-Geschäftsführer Christian Averbeck im benachbarten Oldenburg. In einem Markt mit geringer Marge und nahezu keinen Wachstumsaussichten kämpfen sie mit Bürokratie, hohen Energiepreisen und Fachkräftemangel. Dennoch sind Chemische Reinigungen und Wäschereibetriebe kein Auslauf­modell, im Gegenteil: Für viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens sind sie unverzichtbar.

In der Wäscherei Schwarting sortieren zwei Frauen die persönliche Wäsche von Seniorenheimbewohnern. Kaum eine Pflegeeinrichtung hat noch Personal für eine eigene Wäscherei, deshalb wird die Wäsche ausgelagert. Doch: »Altenheimwäsche ist deutlich aufwändiger als andere Wäsche«, sagt Riechert. »Die Hygieneanforderungen sind hoch, die Arbeit personalintensiv, der Gewinn gering. Und wenn etwas nicht klappt, beschweren sich die Angehörigen bei der Heimleitung.« Dennoch hat sich die Wäscherei Schwarting bewusst dafür entschieden, diese Herausforderung anzunehmen. Denn größere Wäschereien sind aufgrund ihres hohen Automatisierungsgrads gar nicht in der Lage, sich um so etwas Kleinteiliges wie Großvaters Socken zu kümmern. »Wir haben kurze Wege und sprechen mit unseren Kunden proaktiv und auf Augenhöhe«, sagt Averbeck. »Wenn irgendwo etwas hakt, kümmern sich sofort die Kundenbetreuer gemeinsam mit dem Betriebsleiter und der Kunde bekommt kurzfristig eine Rückmeldung. Die Mitarbeitenden arbeiten in einem rotierenden Team, so dass jeder weiß, wie wichtig die eigene Arbeit für eine gelungene Dienstleistung ist. Das hebt uns von der Konkurrenz ab.«

»Wir machen die karierten Maiglöckchen«: Birgit Riechert und Christian Averbeck von der Wäscherei Schwarting

Frisch gewaschen: Wäsche aus Heimen gehört mit Bett- und Tischwasche aus Hotels und Gastronomie zum Kerngeschäft von Schwarting.

Textilreiniger aus Leidenschaft: Jens Lepinat hat die Reinigung seiner Mutter übernommen.

Foto: Oliver Knoblich

Was habt ihr und was braucht ihr?

Wäsche aus Heimen macht zusammen mit Bett- und Tisch­wäsche aus Hotellerie und Gastronomie 80 Prozent des Geschäfts von Schwarting aus. Die restlichen 20 Prozent sind Aufträge von Gewerbekunden und klassisches Privatkundengeschäft. Seit der Gründung 1903 bis in die siebziger Jahre hinein kümmerte sich das Familienunternehmen fast ausschließlich um die Wäsche von Privatpersonen. Erst in den Achtzigern, als moderne Waschstraßen und Rollcontainer eingeführt wurden und erste Aufträge von der Bundeswehr kamen, verschob sich der Fokus langsam in Richtung Gewerbe­kunden. Um Aufträge wie Hotel- und Krankenhauswäsche gibt es jedoch einen harten Konkurrenzkampf. Hier stehen mittelständische Firmen wie Schwarting mit überregionalen Großkonzernen im Wettbewerb. Denn die Reinigung von Bett- und Tischwäsche lässt sich leicht automatisieren und stark skalieren. Doch auch hier hat Schwarting seine Nische gefunden. Während viele Großanbieter nur Mietwäsche akzeptieren, bleibt der Familienbetrieb pragmatisch. Neben Mietwäsche werden auch kundeneigene Wäsche oder besondere Einzelteile bearbeitet. »Wir wollen dem Kunden nicht ein System überstülpen, sondern schauen immer zuerst: Was habt ihr und was braucht ihr?«, sagt Riechert.

Reinigungsinhaber Jens Lepinat hat eine Ausbildung zum Textil­reiniger gemacht und in einer Großwäscherei gearbeitet, die auf Krankenhauswäsche spezialisiert war. »Da kamen täglich drei Lkw mit Krankenhauswäsche an, rund 60 Tonnen am Tag. Die wurde an drei großen Waschstraßen gewaschen, getrocknet, gemangelt und zusammengefaltet«, erzählt er. Schon damals sei der Prozess weitgehend automatisiert gewesen; die Mitarbeiter seien vor allem für die Vorsortierung und die Endkontrolle zuständig gewesen. Beides sei zwingend nötig: »Es gerät ja immer mal etwas zwischen die Wäsche, was nicht in die Waschmaschine gehört.« Bei Krankenhauswäsche seien das häufig Skalpelle und anderes Operationsbesteck. Einmal habe eine Mitarbeiterin jedoch sogar eine abgetrennte Hand gefunden. »Da hat wohl jemand beim Aufräumen im OP nicht richtig aufgepasst.«

Frisch gebügelt: Für Hemden gibt es in der Sauberland-Reinigung eine spezielle Bügelstation.

Foto: Oliver Knoblich

Anzüge, Brautkleider und Feuerwehr-Uniformen

Auch bei Schwarting erleben die Mitarbeiterinnen gelegentlich Überraschungen, wenn sie die Schmutzwäsche sortieren. Vor allem in der Heimbewohnerwäsche ist regelmäßig Vergessenes zu finden. »Hörgeräte, Krankenkassenkarten und Portemonnaies sind die Dauerbrenner«, sagt Birgit Riechert. Aber auch ein Ehering war schon dabei – und eine ansehnliche Summe Bargeld. »Die hatte sich ein Zahnarzt in die Hosen­tasche gesteckt und dann vergessen.« Glück für die Schwarting-Mitarbeiterin, die das Geld fand: Sie konnte sich über Finderlohn freuen. »Zehn Prozent des Fundwerts dürfen unsere Angestellten behalten. Das honoriert die Ehrlichkeit

In Lepinats »Sauberland«-Reinigung ist das Privatkundengeschäft weiterhin die Haupteinnahmequelle, obwohl immer weniger Menschen Kleidungsstücke in die Reinigung bringen. »Früher war der Anzug in Banken Pflicht, heute kommen selbst Banker in Jeans zur Arbeit«, sagt Lepinat. Spätestens seit Corona sei die »White-Collar«-Welt legerer geworden, seitdem sinke die Zahl der Kleidungsstücke, die regelmäßig in die Reinigung müssen. Trotzdem gibt es in nahezu jedem Haushalt Kleidungsstücke, die nicht selbst gewaschen werden können, ohne ruiniert zu werden: Anzüge, Abendkleider, Outdoorjacken, Betten oder Brautkleider. Um den schrumpfenden Privatumsatz zu kompensieren, konzentriert Lepinat sich zunehmend auf das gewerbliche Geschäft. Denn auch hier gibt es Bedarf. Beispielsweise müssen Uniformen und Arbeitskleidung von Feuerwehr sowie Garten- und Straßenbau chemisch gereinigt werden, da sonst die Schutzbeschichtung kaputtgeht. »Grundsätzlich gilt: Alles, was bei einem Bad im Wasser Schaden nimmt, muss in die Reinigung«, sagt Lepinat. Auch die Art des Flecks sei entscheidend: Fette lösen sich besser in Alkohol, Eiweiße in Wasser.

Im Team: Bei Schwarting arbeiten die Mitarbeiter rotierend, damit jeder weiß, wie wichtig die eigene Arbeit für die Gesamtdienstleistung ist.

Bergeweise Wäsche: Bett- und Tischwäsche kommt bei Schwarting in die Waschstraße.

Viel Arbeit für wenig Geld

In Delmenhorst stehen dafür professionelle Maschinen bereit: zwei große Waschmaschinen, eine moderne Alkoholmaschine mit zwei Kreisläufen für Reinigung und Trocknung sowie eine Kohlenwasserstoffanlage für besonders empfindliche Stücke. Haushaltsgeräte wären hier völlig fehl am Platz. Allein schon, weil die Programme unter einer Stunde laufen müssen. »Sonst würden unsere Prozesse verstopfen«, sagt Lepinat.

Wie Birgit Riechert, deren Großmutter die Wäscherei Schwarting 1903 gründete, ist auch Jens Lepinat mit Textilreinigung großgeworden. Nach der Ausbildung studierte er Textiltechnik, wechselte dann aber in die Automobilindustrie, wo er technische Schäume zur Motorenabdeckung mitentwickelte. »Die Physik dahinter ist dieselbe wie bei Polymerverbindungen in der Faserherstellung«, sagt er rückblickend. Und doch fehlte ihm der Bezug zu Textilien. Also wagte er den Schritt und übernahm die Reinigung von seiner Mutter. Ein Glück, denn einen Wäscherei- oder Reinigungsbetrieb gewinnbringend zu veräußern, sei nahezu unmöglich. »Man muss das aus Leidenschaft machen, denn es ist viel Arbeit für wenig Geld«, sagt Lepinat.

Arbeit mit Sinn: Für viele Bereiche des öffentlichen Lebens sind Wäschereibetriebe unverzichtbar.

Bürokratie, steigende Kosten, Fachkräftemangel

Die Hürden, denen sich Wäscherei- und Reinigungsbetriebe heute ausgesetzt sehen, sind vielfältig: viel Bürokratie, stetig steigende Kosten für Wasser und Energie, verschärfter Wettbewerb sowie grundlegende strukturelle Veränderungen. Längst prägen große Ketten und Zentralisierungen die Branche – nicht nur auf Wäschereiseite, sondern auch bei den Kunden. »Als Gegenreaktion haben sich viele Familienbetriebe wie unserer ebenfalls zu Verbünden zusammengeschlossen, damit das Geschäft nicht komplett an uns vorbeigeht«, sagt Riechert. Außerdem kooperiert Schwarting beispielsweise auch mit der Sauberland-Reinigung.

Der Fachkräftemangel stellt eine weitere Herausforderung für die mittelständischen Betriebe dar. »Früher hatten wir zehn Bewerber auf jede Stelle. Heute sind wir froh, wenn sich überhaupt jemand meldet«, sagt Averbeck. Wir haben Glück, dass wir in den letzten zehn Jahren drei Auszubildende gewinnen konnten. Auch Lepinat muss die Arbeit mit immer weniger Menschen erledigen. Und es gibt immer weniger, die für diesen Job überhaupt fähig und ausgebildet sind. »Azubis zu finden, die sich ihre berufliche Zukunft in diesem Nicht-Wachstumsmarkt vorstellen können, ist fast unmöglich. Dazu gibt es einfach zu viele vermeintlich attraktivere Alternativen.«

»Wir machen die karierten Maiglöckchen«

Trotzdem blicken die drei Unternehmer vorsichtig optimistisch in die Zukunft ihrer Branche. Denn sie wissen, dass ihre Dienste weiterhin gebraucht werden. »Die Leute haben nun mal Wäsche, die sie nicht selbst reinigen können«, sagt Lepinat. Und auch wenn sich Prozesse, Technik und Kundenstrukturen weiter verändern, wird es immer einen Platz für Betriebe geben, die flexibel und willens sind, sich an die veränderte Nachfrage anzupassen. »Wenn der Kunde die karierten Maiglöckchen will, dann machen wir es möglich. Das ist unser Vorteil als regionaler Anbieter«, sagt Riechert.