Wirtschaft und UMFELD

Interview

Foto: Henning Scheffen

»Was die Eu-Kommission beim Verbrenner-AUS plant, ist nicht das, was wir brauchen«

Christian Lindner hat eine lange politische Karriere hinter sich, war unter anderem zwölf Jahre Bundesvorsitzender der FDP und Finanzminister der Ampelregierung. Inzwischen ist er als Unternehmer Mitglied verschiedener Aufsichtsräte und stellvertretender Vorstandsvorsitzenden der Autoland AG – und natürlich ein leidenschaftlicher, politischer Beobachter.

Interview von Dr. Eike Frenzel

Herr Lindner, wenn Sie die aktuellen Entwicklungen im Land verfolgen, das Handeln von Schwarz-Rot – was überwiegt bei Ihnen: Die Erleichterung, dass Sie raus sind und keine Lösung für die vielen Herausforderungen mehr finden müssen, oder der Frust, dass die anderen es offenbar nicht können?

Ich wünsche der Regierung Erfolg. Wir alle hätten es leichter, individuell und wirtschaftlich voranzukommen, wenn die Rahmenbedingung bessere wären. Aber tatsächlich ist der Unterschied zwischen der Großen Koalition und der Vorgänger­regierung nicht, dass sie marktwirtschaftlicher ist, sondern nur, dass sie mehr Schulden macht. Aus der Wirtschaftswende wurde leider nur eine Schuldenwende. Das darf nicht das letzte Wort sein. Ich hoffe, dass vor der nächsten Bundestagswahl die notwendigen und versprochenen strukturellen Reformen noch kommen.

Sie sind inzwischen Unternehmer aus dieser Perspektive gesehen: Was müsste als Erstes passieren, damit wir wirtschaftlich wieder vorwärtskommen?

Großartig wäre es, wenn an mehreren Stellschrauben gedreht werden würde: dem starken Bürokratismus, den Verboten bestimmter Technologien, dem unrealistisch gewordenen Zeitplan bei der Klimaneutralität, der hohen Steuer- und Abgabenquote und dem geringen Arbeitszeitvolumen jährlich. Aber jetzt, in unternehmerischer Verantwortung, verlasse ich mich nicht darauf, dass die Politik genau diese Fragen löst. Wir arbeiten mit dem, was wir an Bedingungen haben, an unserem wirtschaftlichen Fortschritt, an unserem Erfolg, an unserer Wettbewerbsfähigkeit als Unternehmen – gegebenenfalls auch durch innovative Technologien, künstliche Intelligenz und Restrukturierung.

Innovative Technologien sind ein gutes Stichwort: Auf der Website Ihres neuen Arbeitgebers Autoland lässt sich gerade nur ein Elektrofahrzeug finden. Wollen Sie als Unternehmen etwa nicht am vielzitierten »E-Boom« teilhaben?

Wir sind ein Unternehmen, das für Wahlfreiheit steht. Bei uns steht nicht die Erziehung unserer Kundinnen und Kunden im Mittelpunkt, sondern die Erfüllung ihrer Wünsche. Wenn die Nachfrage nach E-Mobilität an unseren Standorten steigt, dann wird bei uns das Angebot auch steigen. Wir sehen jetzt auch, dass mehr nachgefragt wird, und deshalb werden wir auch jetzt batterieelektrische Fahrzeuge stärker in den Bestand nehmen. Bei uns sind angesichts der Spritpreise allerdings die Plug-in-Hybride gegenwärtig sehr gefragt, neben den unverändert günstigen Verbrennern.

Zwei, die gern Klartext sprechen: Dr. Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer der Arbeitgeberverbände, begrüßt den früheren FDP-Politiker bei einer Veranstaltung in Hannover.

Foto: Henning Scheffen

Von einem Autoland zum einem anderen Autoland,zu Niedersachsen. Wie müsste das viel diskutierte Automotive Package der EU vom Februar dieses Jahres verändert werden, damit die deutsche Autoindustrie wieder erfolgreich werden kann?

Wir brauchen die Technologieoffenheit. Das, was die Europäische Kommission hier plant, ist nicht das, was wir brauchen. Die Bedingungen, unter denen Verbrenner als Nische nach 2035 zugelassen werden können, sind nicht praxistauglich. Und sie werden erkauft damit, dass in Deutschland die großen Flotten bereits 2030 vollelektrisch sein müssen. Für die deutsche Automobilindustrie ist das, was auch die Regierung Merz jetzt in Brüssel verhandelt hat, eher eine Verschlimm­besserung der Rahmenbedingungen. Und deshalb sollte man zurückgehen zu dem, was – wenn ich das sagen darfich seinerzeit in Regierungsverantwortung dringend gefordert habe: Wir orientieren uns an der Klimaneutralität der Fahrzeuge als System und nicht an der Klimaneutralität des einzelnen Auspuffs.

Anderes Thema: In der frisch veröffentlichten Studie »Jugend in Deutschland 2026« gibt ein Fünftel der 14- bis 29-Jährigen an, sie hätten konkrete Pläne aus Deutschland weg­zuziehen, um im Ausland bessere Lebens­bedingungen zu finden. Was kann diese junge Generation eigentlich heute hier wieder Mut schöpfen?

Es ist ein Alarmzeichen, dass in Deutschland gerade die Jüngeren, die erst noch einsteigen, hier keine Perspektive mehr für sich sehen. Wegen des gesellschaftlichen Klimas, wegen Polarisierung, wegen Sorgen hinsichtlich der eigenen wirtschaftlichen Zukunft, wegen Sorgen vielleicht auch um die eigene Sicherheit, wegen Mängeln im Bildungssystem. Es ist jedenfalls für uns ein Aufbruchsignal an dem, was seit Langem diskutiert wird, zu arbeiten. Und ich drücke da denjenigen die Daumen, die in politischer Verantwortung stehen, dass sie die notwendigen und richtigen Schlüsse daraus ziehen.

Angenommen, Sie müssten Ihrer kleinen Tochter heute einen Tipp geben, welchen Beruf sie ergreifen sollte was würden Sie ihr raten?

Ich würde ihr raten, nicht zu glauben, dass die Entscheidung für einen Beruf abschließend für die ganze Biografie ist. Auch im Berufsleben, in der eigenen Biografie gibt es Wenden, Kehren, Zickzack. Und das, was man tun kann, ist, sich selber fortwährend weiterzuentwickeln, den Horizont erweitern, neue Dinge zu lernen, experimentieren. Also mein Rat: Nicht zu glauben, dass man irgendwann fertig ist mit 18, 25 oder 30, sondern dass man nie fertig ist.

Bei dieser Steilvorlage: Wann sehen wir Sie in der Politik wieder?

Die Wahrscheinlichkeit, dass ich nochmal für ein öffentliches Amt kandidiere, geht wirklich gegen Null. Alles hat seine Zeit. Ich war 25 Jahre mit Leidenschaft gerne Politiker. Aber meine Tatkraft, meine Gestaltungsfreude, meine Neugier auf Neues, die bringe ich jetzt in der Wirtschaft ein.