Land ohne Eigenschaften?
Wie wirkt unser Bundesland eigentlich auf Zugezogene? Der FAZ-Journalist und gebürtige Bayer Reinhard Bingener lebt seit zwölf Jahren in Niedersachsen. Für das AG-Magazin hat er sich Gedanken über seine Wahlheimat gemacht.
Ein riesiger Acker und ganz viele Windkraftanlagen: Ein Bild, an das viele Süddeutsche spontan denken, wenn sie das Wort »Niedersachsen« hören.
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Mein Leben hat mich in die falsche Richtung geführt, zumindest wenn man es aus dem Blickwinkel meiner bayerischen Heimat betrachtet. Denn dort herrscht meist unausgesprochen (manchmal auch ausgesprochen) die Auffassung vor, dass die Autobahn des Glücks in Richtung Süden verläuft. München, Alpenvorland, Hochalpen, Gardasee, Toskana.
Mich hat es stattdessen immer weiter nach Norden verschlagen, über Franken und Frankfurt bin ich in Niedersachsen gelandet. In Gesprächen mit ehemaligen Klassenkameraden merke ich, dass viele bis heute keine präzise Vorstellung von dem Bundesland haben. Denkt der Süddeutsche an Niedersachsen, sieht er vor seinem geistigen Auge einen riesigen Kartoffelacker mit eingesprenkelten Windparks, hinter dem irgendwann ein kaltes Meer beginnt, in dem man pampige Füße bekommt. And … that‘s it.
Nach mittlerweile zwölf Jahren in Niedersachsen muss ich zugestehen, dass an der unterstellten Eigenschaftslosigkeit des Landes tatsächlich etwas dran ist, so sehr ich die höfliche Unkompliziertheit des hiesigen Menschenschlags schätzen gelernt habe. In Erinnerung geblieben ist mir der Festumzug zur Eröffnung des Oldenburger Kramermarkts, den ich einmal berufsbedingt im Gefolge eines Ministerpräsidenten von der Tribüne aus verfolgt habe. Zu sehen waren Tanzgruppen aus dem Oldenburger Land, die sich zu lateinamerikanischen Rhythmen bewegten, oldenburgische Jugendliche, die sich für japanischen Schwertkampf begeisterten und dergleichen mehr. Was hingegen weitgehend fehlte, waren Oldenburger, die etwas erkennbar Oldenburgisches machten. Das hat mich irritiert.
Aber es passt zu den Ergebnissen der Anfang 2026 vorgelegten Allensbach-Umfrage zum Image von Niedersachsen. Laut der Erhebung hat Niedersachsen eigentlich gar kein Image. Denn kaum jemand, nicht einmal die Niedersachsen selbst, verbinden mit dem Bundesland prägnante Eigenschaften. Der Auftraggeber der Studie hat diesen Befund mit dem Begriff »Bielefeld der Bundesländer« immerhin prägnant auf den Begriff gebracht.
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»Kaum jemand, nicht einmal die Niedersachsen selbst, verbindet mit dem Bundesland prägnante Eigenschaften«
Reinhard Bingener,
FAZ-Journalist
Woher kommt diese Eigenschaftslosigkeit? Sicherlich daher, dass Niedersachsen über keine gefestigte Landesidentität verfügt, weil es ähnlich wie Nordrhein-Westfalen ein zusammengewürfeltes Bundesland ist. Der Niedersachsen-Gedanke ist ein vergleichsweise junges, erst knapp 100 Jahre altes Konstrukt, wie die maßgeblichen Landeshistoriker anlässlich des 75. Landesjubiläums in mehreren Publikationen schön herausgearbeitet haben.
Als studierter Theologe vermute ich daneben aber noch einen zweiten Grund. Niedersachsen besteht größtenteils aus ehemaligen lutherischen Territorialstaaten. Das Land ist darum Ländern wie Dänemark oder Schweden in mancher Hinsicht enger verbunden als Bayern. In ästhetischen, aber auch politischen Fragen scheinen mir die Niedersachsen ihre »role models« bis heute bevorzugt in Skandinavien zu suchen. Man merkt das zum Beispiel daran, mit welcher Inbrunst in Niedersachsen das Idealbild eines »starken Staates« mit umfassender Daseinsvorsorge gepflegt wird. Die religiöse Dimension mag aus diesem lutherischen Wohlfahrtsgedanken weitgehend entwichen sein. Aber die Verbindung aus wärmender Fürsorge und einem, bei näherem Hinsehen ziemlich autoritären Staatsverständnis lebt bis heute fort.
Was hat das mit dem Imageproblem von Niedersachsen zu tun? Nun, die Kehrseite solcher Wohlfahrtsstaaten ist eine ausgeprägte Konsenskultur. Grashalme, die zu weit aus dem Rasen hervorschauen, werden mit stiller Effizienz aufs übliche Maß eingekürzt. In der politischen Arena wird deshalb auch nicht Besonderheit prämiert, sondern Durchschnittlichkeit.
Falls Niedersachsen tatsächlich gewillt ist, auf der geistigen Landkarte erkennbarer zu werden, benötigt es daher mehr als ein Marketing, das den Durchschnitt in Szene setzt. Das Land benötigt Identitätsmarker. Wenn ich in Hannover ins Museum gehe, trifft man dort auf vorzügliche Sammlungen, die man andernorts gerne hätte. Falls man den Mut hätte, die Bestände und Trägerschaften endlich sinnvoll neu zu sortieren, ließe sich vom Sprengel-Museum am Maschsee bis zu den Herrenhäuser Gärten eine veritable Museumsmeile mit überregionaler Anziehungskraft entwickeln. Frankfurt hat am Mainufer vorgemacht, wie eine Stadt davon profitieren kann.
Solche Prozesse dauern sicherlich länger als eine Legislaturperiode. Sie dauern aber nicht so lange, dass es sich gar nicht lohnen würde, damit anzufangen. Auch das urwüchsig-krachlederne Image von Bayern beruht schließlich zu einem Gutteil auf »invented traditions«, die in Wahrheit viel jünger sind als die meisten Menschen glauben.