Arbeitswelt

»Das typische ›Knack-Geräusch‹ ist kein Zufall, sondern dient sozusagen als Frischegarantie.«

Lennart Darringer

Und es hat »Knack« gemacht

Das Familienunternehmen Baade+Endrulat stellt Siegelscheiben her, die Aufstriche und Co. vor Verunreinigung schützen. Unter anderem für die berühmteste Schokoladencreme der Welt.

Von Isabel Link

Für viele grenzt es an eine Religion: Die einen schneiden die goldene Schutzfolie auf dem »Nutella«-Glas sorgsam mit dem Messer auf, andere stechen mit dem ­Löffel hinein und wieder andere knibbeln so lange am Glasrand ­herum, bis sie die Folie abziehen können. Und wehe, jemand macht es verkehrt. Dann sind Diskussionen am Frühstückstisch vorprogrammiert. Die Schutzfolie und das charakteristische Knacken, wenn man ein »Nutella«-Glas zum ersten Mal öffnet, sind längst so ikonisch wie der Inhalt. Aber kaum jemand weiß: Hergestellt werden die sogenannten Siegelscheiben in Deutschland, in einem kleinen Betrieb nordwestlich von Hamburg.

Die Produktion bei Baade+Endrulat in Rellingen verteilt sich auf zwei Hallen. In der hinteren stapeln sich riesige Rollen Pappe bis unter die Decke und in den Regalen liegen Rollen mit Hunderten Metern Siegelfolie. Nicht nur für »Nutella«, obwohl die Siegelscheiben für Ferrero das auflagenstärkste Produkt des Unternehmens sind. »Ferrero bezieht diese Scheiben nur von zwei Lieferanten. Beide sitzen in Deutschland, und einer davon sind wir«, sagt Lennart Darringer, Geschäftsführer von Baade+Endrulat. Aber natürlich ist der italienische Konzern nicht der einzige Kunde. Neben der Lebensmittelindustrie, die den größten Sektor darstellt, produziert Baade+Endrulat auch Siegelscheiben für die Kosmetik- und die Agrochemie-Industrie. Sie verschließen beispielsweise Kaffee- und Gewürz­gläser, aber auch Cremetiegel und sogar Motorölkanister. »Bei den meisten Siegelscheiben wissen wir nicht, wer der industrielle Endkunde ist«, sagt Darringer. Seine Firma beliefert die Deckelhersteller, die wiederum die mit den Siegelscheiben ausgestatteten Deckel an Ferrero, Nestlé und Co. ausliefern.

Von der Rolle: In einem sogenannten Kaschierverfahren werden Pappe und Siegelfolie zusammengebracht.

Kleine Wachspünktchen auf der Oberseite sorgen dafür, dass Pappdeckel und Siegel aneinander haften.

Fotos (2): Daniel Heitmüller

Beim Öffnen trennen sich Pappe und Siegelfolie

Aber wozu braucht es eigentlich Siegelscheiben? »Zum einen natürlich, um die Haltbarkeit des Produkts zu erhöhen und besonders Lebensmittel vor Verunreinigung zu schützen«, sagt Darringer. Das typische »Knack«-Geräusch ist auch kein Zufall, es dient sozusagen als Garantie, dass das Produkt gerade zum ersten Mal geöffnet wird. Möglich wird das durch ein raffiniertes Verfahren, das neben Baade+Endrulat nur wenige Firmen weltweit qualitativ hochwertig beherrschen. In einem sogenannten Kaschier-Prozess werden kleine Wachspünktchen auf die Siegelfolie aufgebracht und diese an die Pappe geklebt. Anschließend werden je nach Deckelgröße die Scheiben ausgestanzt. Der industrielle Endkunde trägt auf dem Glasrand einen Kleber auf und schraubt den mit der Siegelscheibe bestückten Deckel zu. Durch den Druck und den Kleber heftet sich die Folie an den Glasrand, und wird der Deckel dann wieder aufgeschraubt, trennen sich Pappe und Folie mit einem »Knack«.

Allerdings erfüllt auch die im Deckel verbleibende Pappscheibe noch wichtige Funktionen. »Sie stabilisiert den dünnen Kunststoffdeckel, damit das Glas nicht wegrutscht, falls etwa ein Kind es mal zu enthusiastisch aufschraubt«, erklärt Darringer. Zudem verhindert die Scheibe, dass ein sehr flüssiges Produkt wie beispielsweise Honig ausläuft, wenn das Glas umkippt. Diese Gedanken steckten schon hinter dem ersten Produkt, mit dem Baade+Endrulat vor fast hundert Jahren auf den Markt kam. »Die Firmengründer hatten sich auf Auflieger für Glasmilchflaschen spezialisiert. Allerdings brach der Firma schon wenige Jahrzehnte später die Geschäftsgrundlage weg, als das Tetrapak aufkam.«

Foto: Daniel Heitmueller

»Unser Paper:Shield® ist besonders für Firmen interessant, die auf Nachhaltigkeit setzen.«

Lennart Darringer,
Geschäftsführer von Baade+Endrulat

Familienbetrieb mit externem Geschäftsführer

Rudolf Baade verstarb nur ein Jahr nach der Firmengründung, sodass Carl Endrulat den Betrieb allein weiterführte. Vom sinkenden Bedarf an Milchflaschenaufliegern ließ der findige Entwickler sich nicht entmutigen und suchte andere Wege, das Know-How seiner Firma an den Markt zu bringen. Eine Weile stellte das Unternehmen Stanzteile her, darunter Schuhsohlen für den Otto-Versand. Mit den Jahresüberschüssen kaufte Endrulat neue Maschinen, zum Beispiel eine Laminiermaschine. Mit dieser stieg die Firma ins Kaschiergeschäft ein und entwickelte kurz darauf die Siegelscheiben.

Bis heute ist die Firma im Besitz der Familie Endrulat. Stella Endrulat, Enkelin des Firmengründers, schied allerdings 2021 nach fast 30 Jahren aus der Geschäftsführung aus und übertrug das operative Geschäft an den damaligen Assistenten der Geschäftsführung, Lennart Darringer. Der gebürtige Hamburger hat Ingenieurswesen studiert und für mehrere Konzerne gearbeitet, zuletzt war er im Auftrag seiner Firma in China beschäftigt. »Dann kam die Corona-Pandemie und ich habe mir die Frage gestellt, ob ich für immer in China bleiben will oder doch nach Deutschland zurückkehre«, sagt Darringer. »Auf der Suche nach einem neuen Job bin ich auf Baade+Endrulat« gestoßen.

Alles korrekt? Als Qualitätsbeauftragter prüft Ralf Niedlich, ob die Siegelscheiben einwandfrei die Produktion verlassen.

Gut gestapelt: Im Lager von Baade+Endrulat wartet tonnenweise Pappe auf ihren Einsatz.

Fotos (2): Daniel Heitmüller

Innovation für annähernd gesättigten Markt

Um die Zukunft seines 40-Mitarbeiter-Betriebs macht Darringer sich wenig Sorgen. »Unsere Kundenbeziehungen sind sehr langlebig.« Außerdem sei die Lebensmittelindustrie besonders krisenfest. »Gegessen wird ja immer.« Jedoch achtet der Firmenchef auf ein gesundes und organisches Wachstum. »Wir sind ein eigenständiges Unternehmen und wollen das auch bleiben, deshalb müssen wir Investitionen und Wachstum aus unserem eigenen Haushalt finanzieren.« Der welt­weite Markt für Siegelscheiben ist zwar annähernd gesättigt, aber ein paar Regionen seien noch übrig, in denen Baade+Endrulat Potenzial für neue Geschäfte sieht.

Dazu verspricht sich Darringer viel von einer Innovation, die die Firma vor kurzem auf den Markt gebracht hat: dem Paper:Shield®. Hier ersetzt ein spezielles, lebensmittel­echtes Papier die Aluminiumfolie. Das Papiersiegel sei genauso fett-, geruchs-, und feuchtigkeitsundurchlässig wie Aluminium, enthalte aber keine schädlichen Stoffe wie PFAS und sei recycle­bar. »Das ist besonders für die Firmen interessant, die verstärkt darauf achten, wie sie ihre Produkte nachhaltiger machen können«, sagt Darringer. Vielleicht wird auch das »Nutella«-Siegel eines Tages aus Papier bestehen, anstelle der goldglitzernden Folie. Dem Ritual des Öffnens dürfte das Gott sei Dank! allerdings keinen Abbruch tun.

Mehr Infos

finden Sie im Webangebot des Unternehmens unter

baade-endrulat.de