Hochpräzise: In der Produktion von Pirelli in Breuberg kommt viel Technologie zum Einsatz.
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»Pirelli Deutschland ist heute ein Entwicklungszentrum für die deutsche Automobilindustrie.«
Wolfgang Meier
»Der Standort Deutschland funktioniert nur mit technologiereichen Produkten«
Während andere Reifenhersteller sich aus Deutschland zurückziehen, hält Pirelli seinem Standort im Odenwald die Treue. Ein Gespräch mit Pirelli Deutschland-CEO Wolfgang Meier über die Bedeutung von Technologieführerschaft, den Einfluss von Motorsport auf die Entwicklung von Reifen und Nachhaltigkeit als Geschäftsstrategie.
Was muss aus Ihrer Sicht politisch passieren, damit sich die Konjunktur in Deutschland – insbesondere in der Automobilindustrie – wieder stabilisiert?
Wir brauchen vor allem Klarheit. Klarheit in der Umsetzung dessen, worüber wir seit Jahren sprechen. Also: Welche Antriebstechnologien setzen wir künftig ein? Diese Unsicherheit muss aus dem Markt herausgenommen werden, damit die Kunden wieder Vertrauen fassen und investieren. Gleichzeitig brauchen wir den Mut, den Standort Deutschland wieder positiv zu besetzen. Wir müssen wieder an das glauben, was uns stark gemacht hat: unsere Ingenieurskunst, unsere Technologieführerschaft, und die Erkenntnis, dass das Auto mehr ist als ein reines Fortbewegungsmittel von A nach B. Dieses Selbstverständnis muss wieder stärker in unseren Produkten sichtbar werden.
Das führt uns direkt zu einem Zukunftsprodukt, an dem Pirelli gerade forscht, dem Cyber Tyre. Was genau verbirgt sich dahinter?
Der Cyber Tyre ist die Digitalisierung des Reifens. Er ist mit Sensoren ausgestattet, die zum Beispiel die Straßenbeschaffenheit erkennen aber auch das Fahrverhalten. Der Reifen merkt, wenn das Fahrzeug bremst oder beschleunigt, er erkennt Nässe, Eisbildung oder andere Umwelteinflüsse auf der Straße. Heutzutage ist es so, dass Ihr Auto nicht weiß, mit was für Reifen sie unterwegs sind und ob Sie damit heute schon 50 oder 500 Kilometer gefahren sind. Die Sensoren im Cyber Tyre jedoch registrieren all diese Details und sagen Ihnen beispielsweise, wenn Ihr Reifen an der Verschleißgrenze ist. Auch für das Bremsverhalten sind die Daten wichtig. Ein Sommerreifen hat einen ganz anderen Rollwiderstand als ein Winter- oder Alljahresreifen. Der Cyber Tyre ist sozusagen das technologische Upgrade für das Produkt Reifen.
Ist der Cyber Tyre eine Vorbereitung auf autonomes Fahren?
Er lässt sich sehr gut in das Umfeld des autonomen Fahrens integrieren, wurde aber nicht ausschließlich dafür entwickelt. Sein Nutzen reicht deutlich darüber hinaus.
Sportlich: Der P Zero-Reifen besteht zu 55 Prozent aus recycelten und erneuerten Materialien.
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Zukunftsplanung: Wolfgang Meier (r.) im Gespräch mit Sven Beck (l.), Abteilung Kommunikation, und Thomas Hofmann, Leiter Personal und Organisation, Pirelli Deutschland
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Pirelli ist bis 2027 auch exklusiver Erstausstatter der Formel 1. Wie stark profitiert der Serienreifen vom Motorsport?
Sehr stark, der Motorsport ist sozusagen unser Outdoor-Labor und deshalb heißt unser Ansatz auch »Race to Road«. Reifen, die auf der Rennstrecke zum Einsatz kommen, müssen extremen Bedingungen standhalten. Nässe, Temperaturen, Fahrmanöver. Dabei lernen wir, was technisch möglich ist, und übertragen dieses Wissen auf die Straße. Selbst Nachhaltigkeit spielt dabei eine Rolle, denn der Formel-1-Reifen ist FSC-zertifiziert.
Auch Elektroautos stellen neue Anforderungenan Reifen. Worauf kommt es dabei an?
Elektrofahrzeuge sind schwerer, beschleunigen schneller und die Reichweite ist das zentrale Thema. Reifen für Elektroautos müssen also leise sein, einen niedrigen Rollwiderstand haben und gleichzeitig hohe Lasten sicher tragen. Deshalb sind viele E-Reifen als Heavy-Load-Reifen ausgelegt. Wir kennzeichnen sie mit einem speziellen »Elect«-Symbol und haben bereits rund 800 Homologationen für Elektrofahrzeuge.
Während andere Reifenhersteller Kapazitäten abbauen oder sich ganz aus Deutschland zurückziehen, investiert Pirelli weiter in seinen Standort in Breuberg im Odenwald. Woher kommt dieses Vertrauen in die Zukunft Deutschlands als Industriestandort?
Das Vertrauen in den Standort ist über Jahrzehnte gewachsen. In Breuberg werden seit 120 Jahren Reifen hergestellt. Als der Standort in den Achtzigern neben Mailand auch zum Entwicklungsstandort für Premiumreifen für Autos und Motorräder im Pirelli-Konzern geworden ist, hat er sich kontinuierlich weiterentwickelt. Pirelli Deutschland ist heute weit mehr als eine Fabrik, wir sind ein Entwicklungszentrum für die deutsche Automobilindustrie. Die Spezifikationen, die wir hier erschaffen, gehen nicht nur in die deutschen Werke der Automobilbauer, sondern in deren Werke in der ganzen Welt.
Trotzdem ist Deutschland ein zunehmend schwieriger Standort. Hohe Lohnkosten, überbordende Bürokratie und die Energie ist im vergangenen Jahr schon wieder um gut zehn Prozent teurer geworden. Sicher gibt es irgendwann einen Punkt, an dem auch Pirelli sich den Standort nicht mehr leisten will.
Natürlich müssen wir wirtschaftlich arbeiten. Aber als ich Mitte der 1990er-Jahre bei Pirelli angefangen habe, waren die Lohnkosten auch schon hoch. Zudem produzieren wir hier keine Massenware, weder im Pkw- noch im Motorradbereich. Unsere Produkte sind technologisch hoch anspruchsvoll und immer an der Spitze dessen, was im Reifenbereich möglich ist. Und genau das ist die Antwort auf die Herausforderungen, die uns der Standort stellt: Technologie, Innovation und intelligente Prozesse. Der Standort Deutschland funktioniert nur mit technologiereichen Produkten, mit denen sich am Markt auch ein entsprechender Wert erzielen lässt. Darauf setzen wir sowohl in der Erstausrüstung als auch im Ersatzgeschäft.
Wie geht's der Branche? Dr. Volker Schmidt (v. l.), Pirelli Deutschland-Personalchef Thomas Hofmann und Wolfgang Meier
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High-Tech aus dem Odenwald: Der Pirelli-Standort in Breuberg
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High Speed: Pirelli Deutschland-CEO Wolfgang Meier (r.) im virtuellen Testzentrum
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Welche Rolle spielt denn die Erstausrüstung eines Autos für das Geschäft von Pirelli?
Erstausrüstung ist für uns die technologische Basis. Sie ist Innovationstreiber und Investition zugleich. Wir sind der Hersteller mit den meisten Erstausrüstungshomologationen in unserem Wettbewerbsumfeld, das wiederum sichert uns die Nähe zur Automobilindustrie und hält uns technologisch auf Augenhöhe. Oder sogar einen Schritt voraus.
Pirelli Deutschland ist ausschließlich im Premiumsegment präsent. Spüren Sie dort auch die Konkurrenz aus Asien, die den Reifenmarkt insgesamt unter Druck setzt?
Im Premium- und High-Value-Segment, insbesondere bei 18- und 19-Zoll-Reifen, sind wir klar positioniert. Ja, es gibt neue Wettbewerber aus Asien, aber nicht mit derselben technologischen Tiefe. Unsere Differenzierung liegt in Erfahrung, Technologieführerschaft und Systemlösungen wie dem Cyber Tyre. Der globale Reifenmarkt wächst insgesamt nicht, unser spezifisches Segment hingegen schon.
Neben der Technologie spielt Nachhaltigkeit für Pirelli eine herausragende Rolle. Sie nutzen für die Reifenproduktion bereits diverse Ersatzstoffe aus der Natur, zum Beispiel Reisschalen. Was genau machen Sie damit?
Reisschalen sind ein Abfallprodukt der Reisproduktion. Bei ihrer Verbrennung entsteht weißer Ruß, Silica genannt, ein zentraler Zusatzstoff in der Reifenherstellung. Dieses Verfahren ist deutlich energieeffizienter, als Silica aus Quarzsand zu gewinnen. Außerdem verwenden wir Lignin, ein Nebenprodukt aus der Papierindustrie. Eines unserer Flagship-Produkte, der P Zero E, besteht heute bereits zu über 55 Prozent aus erneuerten und recycelten Materialien. Gemeinsam mit Land Rover haben wir sogar einen P Zero mit einem Anteil von mehr als 70 Prozent entwickelt. Wir verfolgen ein klares Ziel: Alle neuen Produkte aus der Top-Range sollen bis 2030 mindestens 80 Prozent nachhaltige Materialien enthalten.
Das ist ein Statement.
Absolut. Nachhaltigkeit ist für uns kein Nebenthema, sondern zentraler Bestandteil unserer Geschäftsstrategie. Bis 2030 wollen wir CO₂-neutral sein, bis 2040 Net Zero inklusive Lieferkette erreichen. Nachhaltigkeit umfasst bei uns Produkt, Produktion und das Wohlergehen unserer Mitarbeitenden.