Manchmal reicht eine einzige, gut erzählte Geschichte
Wie begeistert man heute eigentlich junge Menschen für eine Fachrichtung, einen Job oder gar ein Bundesland? Jacob Beautemps muss es wissen, denn der 32 Jahre alte Wissenschaftsinfluencer erreicht mit seinem YouTube-Channel »Breaking Lab« Woche für Woche Hunderttausende Jugendliche und weckt Ihre Begeisterung für Naturwissenschaften und Technik. Mit seinen Live-Shows zieht er zudem große Publikumsmengen an, etwa auf der IdeenExpo. Das AG-Magazin hat den promovierten Physiker in seinem Studio in Köln getroffen.
Foto: Thilo Schmuelgen
»Wenn Inhalte emotional erzählt werden, bleiben sie erwiesenermaßen deutlich länger im Gedächtnis.«
Jacob Beautemps
Herr Beautemps, was hat Sie zuletzt so richtig begeistert?
Oh, da muss ich einen Moment nachdenken, denn ich bin ein sehr begeisterungsfähiger Mensch. Ich glaube, es war gestern. Da habe ich unser neustes Video über den größten Solarpark der Welt gesehen und war so begeistert davon, dass ich es sofort jedem zeigen wollte. Abgesehen davon, dass unser Cutter großartige Arbeit geleistet hat, ist mit diesem Video wieder etwas entstanden, das einen echten Mehrwert bietet. Diese Kombination aus Kreativität und inhaltlicher Bedeutung, das fasziniert mich.
Das Video ist für Ihren YouTube-Channel »Breaking Lab«, mit dem Sie seit 2018 vor allem junge Menschen für Naturwissenschaften und Technik begeistern. Mittler- weile hat der Kanal fast 730.000 Follower. Warum kommt dieses Format so gut an?
Wahrscheinlich, weil es authentisch ist. Ich bin – wie das Beispiel mit dem Solarpark zeigt – selbst fasziniert von den Themen, über die ich spreche, und beschäftige mich eigentlich ständig mit Innovationen für eine bessere Zukunft. Das macht Spaß, es gibt Mut und schafft Hoffnung, gerade in einer Zeit, die viele als eher belastend oder negativ empfinden. Ich glaube, wir erzählen in Deutschland einfach zu selten positive Geschichten. In klassischen Medien dominieren oft negative Schlagzeilen, während Fortschritt, Innovation und all die großartigen Entwicklungen, die es ebenfalls gibt, wenig Beachtung finden. Genau das will ich mit »Breaking Lab« ändern. Gleichzeitig ist es mir wichtig, dass hinter den Inhalten Substanz steckt. Ich arbeite mit transparenten Quellen, sodass alles nachvollziehbar ist, und stehe mit meinem Namen und meinem Gesicht dafür ein. Und das gefällt den Leuten. Ich erinnere mich, dass mir mal auf der Straße jemand zugerufen hat: »Dein Video war mein Highlight der Woche.«
Das heißt, es geht den Zuschauern weniger um den Wissensgewinn als vielmehr um die Emotionen?
Das würde ich so nicht sagen. Es ist eine Kombination aus beidem. Darin liegt auch der Kern guter Wissenschafts- und Wissenskommunikation: Natürlich geht es immer um Inhalte, aber wir alle wissen aus Schule oder Studium, wie langweilig die Themen sein können, wenn sie trocken und emotionslos vermittelt werden. Wenn ich aber erklären kann, warum ein Thema für jemanden persönlich relevant ist, entsteht Interesse, und dann macht Lernen Spaß. Interessant ist, dass wir uns in Deutschland jedoch wahnsinnig schwertun, Innovationen und Forschung emotional oder gar begeistert zu besprechen. Ich finde, hier dürfen wir ruhig mutiger werden. Denn wenn Inhalte emotional erzählt werden, bleiben sie erwiesenermaßen deutlich länger im Gedächtnis.
»Wenn ich erklären kann, warum ein Thema für jemanden persönlich relevant ist, entsteht Interesse, und dann macht Lernen Spaß.«
Jacob Beautemps
Ist das der Grund, warum Sie ursprünglich Lehrer werden wollten?
Das ist auf jeden Fall einer der Gründe. Ich habe mich immer schon für viele unterschiedliche Themen interessiert und hatte das Gefühl, dass ich diese Leidenschaft gut mit dem Lehramt verbinden kann. Zum anderen fand ich den Gedanken spannend, junge Menschen zu begleiten und einen positiven Einfluss auf ihr Leben zu haben. Dass ich mich für ein Physikstudium entschieden habe, war deshalb auch kein Zufall. Naturwissenschaften bilden die Grundlage für Fortschritt und besonders Physik hilft dabei, Zusammenhänge zu verstehen, Dinge kritisch zu hinterfragen und einzuordnen, was sinnvoll ist und was nicht. Das merke ich auch in meiner Arbeit. Zwar dreht sich mein Kanal um Innovationen insgesamt, aber mein physikalisches Wissen hilft mir enorm, diese Entwicklungen zu verstehen und zu bewerten.
Vom 20. bis 28. Juni werden Sie wieder bei der Ideen- Expo dabei sein und auf der großen Outdoor-Bühne mit Experimenten und Mitmachaktionen das Publikum für Naturwissenschaften und Technik gewinnen. Wo funktioniert Wissensvermittlung eigentlich besser: Live oder im Internet?
Ganz klar live. Videos haben auch ihre Stärken, vor allem, wenn ich ein komplexes Thema mit Animationen erklären will. Aber das Besondere an Live-Formaten ist der direkte Kontakt zu den Menschen. Man sieht sofort, was das, was man tut, bei ihnen auslöst. Es wird ja oft gesagt, junge Menschen ließen sich nur schwer für Naturwissenschaften begeistern. Meine Erfahrung ist eine andere, und die IdeenExpo ist der beste Beweis dafür. Hochgerechnet sehen in den neun Tagen mehrere Zehntausend Menschen meine Shows. Da sind Schülerinnen und Schüler aus allen Schulformen dabei, in unterschiedlichem Alter und mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Und alle fühlen sich irgendwie angesprochen von dem, was ich mache. Sie bleiben stehen, beteiligen sich an Quizzen, kommen auf die Bühne und machen bei Experimenten mit. Das zeigt mir: Wenn man sie ernst nimmt, ihnen zeigt, dass das Thema relevant ist und einen echten Mehrwert für ihr Leben bietet, dann sind sie sofort dabei.
Die IdeenExpo hat ja vor allem das Ziel, junge Menschen niedrigschwellig mit potenziellen späteren Arbeitgebern in Kontakt zu bringen. Meinen Sie, Unternehmen sollten bei jungen Menschen weniger mit Incentives werben und stattdessen mehr betonen, was man in ihrer Firma erreichen kann?
Hundertprozentig. Ich erlebe immer wieder, welchen Unterschied es macht, wenn man zeigt, was Menschen mit ihrer Arbeit tatsächlich bewegen. Ich besuche häufig Start-ups oder Forschungszentren und habe dort schon viele junge Leute getroffen, die mir gesagt haben: »Ich habe ein Video von dir gesehen und fand das Thema so spannend, dass ich mich hier beworben habe.«
Helles Köpfchen: Jacob Beautemps moderiert den erfolgreichen Wissenschafts-Channel »Breaking Lab« und erreicht damit mehr als 730.000 Youtube-Nutzer
Foto: Thilo Schmuelgen
Dann haben Sie wirklich großen Einfluss auf Ihre Zielgruppe.
Natürlich kann das auch bloß Höflichkeit sein. Aber vor kurzem habe ich eine Situation erlebt, da war das Lob vollkommen echt. Ich hatte einen Vortrag gehalten, danach kam ein Mann zu mir und sagte: »Ich kenne Sie eigentlich gar nicht, aber ich möchte mich bedanken. Mein Sohn hat durch Ihre Videos angefangen, Maschinenbau zu studieren.« Das hat mich sehr beeindruckt, weil es völlig ungefiltert und ohne Erwartungshaltung kam. Deswegen glaube ich, dass es wichtiger ist, Gestaltungsmöglichkeiten und Impact in den Vordergrund zu stellen, als klassische Incentives. Denn genau das ist es, was junge Menschen wirklich abholt und langfristig begeistert.
Und wie begeistere ich junge Menschen für einen Standort? In einer Stadt wie Köln finden Unternehmen immer Nachwuchs, aber viele Betriebe sind ja auf dem platten Land …
Ich glaube, das hat wieder viel damit zu tun, zu zeigen, was man dort machen kann. Wir Menschen wollen ja einen Sinn im Leben und in unserer Arbeit finden. Und wenn ich das Gefühl habe, an einem Standort spannende Zukunftsthemen mitzugestalten, in einem guten Team zu arbeiten und wirklich etwas zu bewirken, dann wird der Ort oft zweitrangig. Gleichzeitig müssen ländliche Regionen mit ihrem negativen Image aufräumen.
Wie meinen Sie das?
Ländliche Regionen werden von vielen noch mit Klischees verbunden: schlechtes Internet, wenig Freizeitangebote, wenig Lebensqualität. Das entspricht oft überhaupt nicht mehr der Realität, aber niemand weiß das. Wenn Kleinstädte authentisch zeigen können, wie attraktiv und vielfältig das Leben dort tatsächlich ist, dann wird auch ein Standort abseits der großen Metropolen für junge Menschen interessant.
Und wie kann eine Stadt wie – sagen wir mal, Emden – das zeigen? Soll sie auch einen YouTube-Kanal gründen?
Diese Frage bekomme ich tatsächlich sehr häufig gestellt und meine Gegenfrage lautet immer: Ist das wirklich der sinnvollste und nachhaltigste Weg? Denn viele unterschätzen, wie viel Arbeit hinter einem Social Media-Channel steckt. Ich halte es für klüger, mit Menschen und Medien zusammenzuarbeiten, die bereits eine Reichweite haben. Eine Stadt wie Emden könnte zum Beispiel aufzeigen, was sie besonders macht, und daraus gemeinsam mit passenden Creatoren Inhalte entwickeln, die genau diese Stärken transportieren. Denn am Ende geht es nicht darum, eine Liste mit Vorteilen zu präsentieren. Manchmal reicht eine einzige, gut erzählte Geschichte, um enorme Aufmerksamkeit zu erregen. Und anders als die trockenen Fakten bleibt die Geschichte hängen.